Kommen unsere Klamotten noch mit der Klimakrise klar?
Die Temperaturen klettern Jahr für Jahr – und ausgerechnet die Mode aus Süd- und Südostasien zeigt, wie wir bei Rekordhitze cool bleiben können.
Kommen unsere Klamotten noch mit der Klimakrise klar?
Die Temperaturen klettern Jahr für Jahr – und ausgerechnet die Mode aus Süd- und Südostasien zeigt, wie wir bei Rekordhitze cool bleiben können.
Weltweit werden vormals angenehm gemäßigte Klimazonen – vom Atlantik bis zum Pazifik – immer wärmer und feuchter. Der Sommer 2025 war brütend – heißer denn je. Doch ist unsere Kleidung überhaupt bereit, dieser Hitze standzuhalten?
2020 stufte das US National Climate Assessment New York City von einem gemäßigten Küstenklima in eine feucht-subtropische Zone um. Jetzt bekommt die Stadt das deutlich zu spüren: Eine Hitzewelle im Juni bescherte laut National Weather Service den heißesten Tag seit Juli 2012.
Während ein Jahrhundert intensiver menschlicher Aktivität den Planeten in Rekordtempo erwärmte, hinkt die Modebranche nicht nur hinterher, wenn es darum geht, den wachsenden Bedarf an Temperaturregulierung zu bedienen – sie befeuert die Krise sogar noch. Noch immer verlassen sich Labels überwiegend auf kunststoffbasierte, fossile Fasern für „kühlende“ und „feuchtigkeitsableitende“ Stücke, stoßen bei deren Herstellung schädliche Emissionen aus und spülen später Mikroplastik in die Ozeane.
Eine Revolution unseres Kleiderschranks mag nicht die ultimative Antwort auf die Erderwärmung sein – doch die Realität verlangt heute in vielerlei Hinsicht nach klimabewusster Mode. Zum einen müssen Labels die ökologischen Folgen ihrer Produktion minimieren, zum anderen die Bedürfnisse der Träger*innen in einem sich wandelnden Klima ernst nehmen.
Neben der Suche nach biobasierten Polyester-Alternativen lohnt sich der Blick auf hitzetaugliche Kleidung aus Äquatorregionen: Während in NYC die Temperaturen erst seit wenigen Jahrzehnten klettern, leben tropische Kulturen seit Jahrtausenden ganzjährig mit drückender Hitze.
Stoff als Kleidung
In Are Clothes Modern (1947) schrieb der renommierte Designhistoriker Bernard Rudofsky, dass in früheren Zeiten „der Stoff selbst die Kleidung war“ und „Material und Endprodukt identisch“ seien. Er beschreibt anschließend ein Kleidungsstück, das bis heute in Süd- und Südostasien getragen wird: den „Sarong“ im Malaiischen, „Malong“ auf Filipino, „Dhoti“ im Hindi und „Lungi“ im Urdu – um nur einige Namen zu nennen.
„Das quadratische oder rechteckige Stück Stoff wurde um den Körper gehängt oder gewickelt und mit herausnehmbaren Nadeln fixiert. Weil man Enge gar nicht erst anstrebte, brauchte es weder Anpassungen noch Zuschnitt“, ergänzt Rudofsky.
1. Illustration von Filipinos in Malongs (ca. 1835–1840), 2. Illustration von Indern in Dhoti und Sari (1858).
Die Forscherin und Gründerin des South Asia Archive, Sanam Sindhi, führt aus: „Der Lungi – je nach Region auch Veshti [Sri Lanka] oder Mundu [Kerala] genannt – ist ein außergewöhnliches Kleidungsstück, eben weil es so schlicht ist. Genau wie ein Sari besteht er aus einem einzigen, ungenähten Stück Stoff, das mit der richtigen Bindetechnik zu einem schönen, funktionalen Gewand wird – geeignet für wirklich jede Lebenslage.“
Diese „radikale Einfachheit“ stellt westliche Innovationsvorstellungen, die häufig auf technische Komplexität und synthetische Produktion setzen, grundlegend infrage. „Im Westen verbindet man Nutzen und Workwear meist mit Taschen, Uniformen, Military- oder Hiking-Gear; im Osten wird hingegen das gesamte Konzept von Funktionalität hinterfragt, auseinander genommen und neu gedacht“, so Sindhi.
Sie betont, dass in Südasien Kleidung schon immer vom Klima diktiert wurde. Tropische Bedingungen, wie sie etwa in Bangladesch, Indien oder Pakistan herrschen, haben den Einsatz kühlender Materialien wie Leinen und die Entwicklung hitzebewusster Schnitttechniken begünstigt.
„Es geht weniger um das Kleidungsstück an sich, sondern um den Raum zwischen Stoff und Körper – und darum, wie beide aufeinander reagieren.“
Die Frage der Aneignung
Während im Westen viele den Sarong als reines Zeremonialgewand sehen, ist die Silhouette in vielen süd- und südostasiatischen Ländern Teil des Alltags. Chris Fusner, Designer und Gründer des Tropical Futures Institute, erzählt: „Ich bin in Singapur damit aufgewachsen; er war schlicht überall. Man trägt ihn sowohl entspannt zu Hause als auch bei feierlichen Anlässen. Besonders häufig sah ich ihn in malaiischen und indonesischen Communities.“
In der postkolonialen Ära sind viele kulturelle Kleidungsstücke untrennbar mit komplexen Befreiungsgeschichten verbunden, was ihre Vermarktung im Mainstream heikel macht. Schon die bloße Erwähnung kultureller Inspiration löst heute Diskussionen über Aneignung aus, und die Communities fordern zunehmend Mitspracherecht bei der Reproduktion ihres Erbes.
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Sindhi sieht die Menswear-Saison SS26 im Juni als Paradebeispiel für den Einfluss des Globalen Südens auf die Gegenwartsmode und erkennt nordafrikanische und südasiatische Elemente in den Shows von Armani, Prada, Louis Vuitton und Kenzo.
Auch User*innen bemerkten diese kulturellen Referenzen und entfachten Diskussionen über die Aneignung traditioneller indischer Stile zu Luxuspreisen. So erntete etwa Louis Vuittons Autorickshaw-Bag Kritik für einen Preis von 40.000 US-Dollar. Dior wiederum wurde vorgeworfen, die indischen Kolhapuri-Sandalen ohne entsprechende Anerkennung kopiert zu haben.
„In den 90ern und frühen 2000ern gab es schon einmal einen ähnlichen Globalisierungsboom, doch damals fehlte uns die sozioökonomische Macht, um unsere Ansprüche geltend zu machen. Das ist diesmal anders“, sagt Sindhi. Sowohl die Forscherin als auch der Designer sehen jedoch eine Chance in diesem Momentum und loben Dries Van Notens jüngste „Hip Scarf“-Interpretation des Sarongs. Sindhi bezeichnet sie als „romantisch“ und „poetisch“.
Vielleicht ist es vergeblich, die exakte Inspirationsquelle für ein Kleidungsstück festzumachen, das weltweit in unzähligen Varianten existiert. Zur Veröffentlichung des Digital Moodboard „Sarong“ des Tropical Futures Institute schrieb Fusner selbst: „Es ist ein Kleidungsstück, das sich über die gesamten Tropen erstreckt – von Südostasien über Südasien bis nach Afrika. Sein Name, die Gewebe, Designs und Bindetechniken variieren von Ort zu Ort.“
Der tropische Horizont der Mode
Sindhi betont erneut, wie wichtig es ist, die eurozentrische Brille abzulegen: „Wir müssen unsere vorgefassten westlichen Vorstellungen von Nützlichkeit oder Innovation – ja, sogar unser grundlegendes Verständnis von Kleidung – hinter uns lassen und den Blick auf indigene und traditionelle Kulturen weltweit richten.“
Fusner gehört zu den vielen süd- und südostasiatischen Designer*innen, die diesem traditionellen Kleidungsstück aus einer tief verwurzelten Perspektive neues Leben einhauchen. Seit 2020 hat seine Marke mehrere Sarongs mit zeitgenössischer Kunst herausgebracht, inspiriert von seiner Liebe zu digitalen Ästhetiken.
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Obwohl er die Sensibilität rund um westliche Aneignung anerkennt, sieht er darin einen „Netto-Vorteil“. „Wir können das Narrativ umdrehen und jungen Designer*innen aus der Region Sichtbarkeit verschaffen, die bereits innovativ arbeiten“, so Fusner. „Auf den Philippinen etwa gibt es großartige Konzepte von Kreativen wie Carl Jan Cruz, die mit traditionellen Silhouetten und Kleidungsstücken spielen.“
Neben der Sarong-Silhouette verweist der Designer auch auf den Einsatz von Piña-Stoff auf den Philippinen. Das transparente, leichte Material, vergleichbar mit Organza, wird traditionell für festliche Kleidung wie den gleichnamigen Barong verwendet. Fusner erklärt: „Die Netzstruktur von Piña besitzt hervorragende Kühleigenschaften, lässt Luft zirkulieren und sorgt so für angenehme Atmungsaktivität.“
Der in Manila ansässige Designer Carl Jan Cruz, bekannt für seine großzügigen, dekonstruierten Silhouetten, zeigt, wie sich traditionelle Kleidungsstücke weiterentwickeln: Er bringt abstrakte Stickereien, Patchwork und neue Formen in den Barong und das Pambahay (Hauskleidung). Ähnlich wie ein Sarong ist Cruz’ Pambahay-Kollektion so konzipiert, dass sie „von vorne nach hinten und von innen nach außen“ getragen werden kann – modulare Pieces, die sich nach Lust und Laune stylen lassen.
Da die Bemühungen, die Folgen des Klimawandels einzudämmen, weiterhin hinter dessen Fortschreiten zurückbleiben, suchen Menschen weltweit neue Wege, um in den heißesten Monaten kühl zu bleiben – von der Schwemme an tragbaren Mini-Ventilatoren in New York bis hin zum viralen „Beijing Bikini“-Meme, bei dem Männer ihre Shirts hochkrempeln und den Bauch freilegen.
So unterhaltsam diese Improvisationen als Internet-Memes auch sein mögen, sie verdeutlichen vor allem eines: Die Modebranche hinkt dem dringenden Bedarf nach Abkühlung auf einem immer heißer werdenden Planeten hinterher. Laut NASA war bereits das vergangene Jahr das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen und übertraf den Rekord von 2023. Bis 2027 dürfte der steigende Treibhausgas-Ausstoß die globale Durchschnittstemperatur um 1,5 °C erhöhen – eine Schwelle, die als Point of No Return gilt.
„Die sartoriale Kultur des Globalen Südens ist so außergewöhnlich weil sie Form und Funktion in perfekter Balance vereint. In einer Zukunft, in der unser Überleben womöglich wichtiger ist als Stil, können wir von diesen Kulturen lernen, wie sich beides verbinden lässt“, resümiert Sindhi.


















