Sind Fashion-Watchpartys der neue Zuschauersport?
Modekritiker Lyas verwandelt Fashion-Week-Livestreams in kulturelle Meet-ups – ganz ohne Einladung.
Wer im Juni am Le Saint Denis in der Rue du Faubourg Saint-Denis vorbeilief, hätte glauben können, es sei Spieltag. Hundertschaften von Modestudierenden, Stiljournalist*innen und Hype-Tourist*innen standen Schulter an Schulter, drängten sich bis auf die Straße und klammerten sich an ihre Drinks.
Doch das war kein WM-Match. Es war J.W. Andersons Dior-Debüt für die Menswear-Kollektion SS26 – live gestreamt, in einer Bar, auf einem provisorischen Fernseher. Die Stimmung war so elektrisierend, dass selbst die Front Row der eigentlichen Show … zahm wirkte.
Seit wann hat die Mode-Szene beschlossen, dass genau hier – und nicht in der Front Row – the place to be ist?
Alles begann, als Lyas – Fashion-Kritiker und TikTok-Star, bekannt für seine ungefilterten Mode-Takes unter dem Handle @ly.as – keine Einladung zur heiß erwarteten Dior-Show SS26 erhielt. Statt leise zu bleiben, kündigte er auf seinen Kanälen an, die Schau kurzerhand aus einer Pariser Bar heraus zu livestreamen, und lud seine Follower ein, vorbeizukommen.
Die spontane Idee wurde blitzschnell zur viralen Fashion-Watch-Party: Hunderte Modefans trafen sich, vernetzten sich und feierten ihre gemeinsame Liebe zur Mode – ein kraftvoller Reminder daran, dass die heißesten Kulturdebatten nicht immer hinter verschlossenen Branchentoren starten.
Nach dem Erfolg kündigte Lyas eine Watch-Party-Tour zur Fashion Week an: „Ich will Watch-Partys in jeder großen Modemetropole hosten – New York, London, Mailand und natürlich Paris“, sagte er vergangenen Monat gegenüber Hypebeast. „Ich möchte ein besonderes Erlebnis schaffen, das das Publikum respektiert: kein weiterer PR-Stunt für Labels, sondern ein Moment für Menschen mit echter Leidenschaft.“
Jetzt, da der Fashion Month SS26 läuft, hat Lyas ‚La WATCHPARTY‘ offiziell mit einem Teaser-Video auf Instagram gestartet. „La WATCHPARTY legt in London los – in Zusammenarbeit mit dem British Fashion Council –, danach folgt Mailand, unterstützt von Meta x Whoopsie. Das Finale steigt in Paris mit der bislang größten Ausgabe vom 29. September bis 6. Oktober in La Caserne“, erklärt das Team von Lyas. „Paris wird bis zu drei Screenings pro Tag für insgesamt 1.000 Gäste ausrichten und die Location in einen Hybrid aus Festival und Fashion Week verwandeln.“
Eins ist jedoch klar: Runway-Shows aus der Ferne zu verfolgen ist alles andere als neu.
Helmut Lang streamte seine Runways bereits ’98 live, McQueen zog 2010 nach. Doch erst die Pandemie hat das digitale Format wirklich zementiert: Plötzlich mussten Luxusgrößen wie Louis Vuitton, Burberry und Miu Miu eigene Livestreams aufsetzen, um relevant zu bleiben und ihre neuen Kollektionen zu präsentieren. Daraus entstand eine Underground-Welle aus Discord-Analysen, TikTok-Live-Kommentaren und YouTube-Streams, über die Fashion-Fans Luxus-Schauen in Echtzeit verfolgen und diskutieren konnten.
2025 haben Gen Z und Millennials genug davon, 24/7 online zu sein, also organisieren sie ihre eigenen IRL-Meet-ups: Run Clubs, Sauna Squads, kreative Kollektive oder DIY-Dinnerpartys, um nur einige zu nennen. Da ist es nur logisch, dass auch Mode-Subkulturen den Schritt ins echte Leben wagen, während junge Menschen neu definieren, wie sich Begegnungen face-to-face anfühlen.
Für Modebegeisterte, die es nicht auf die Gästeliste schaffen – oder schlicht keine IRL-Clique haben, mit der sie sich austauschen können –, sind diese Watch-Partys mehr als ein kurzlebiger Trend. Sie bedeuten Zugang, Zugehörigkeit und Community – ein sicherer Mittelweg zwischen Fashion-Elite und Mode-Verrückten.
„Das ist mehr als nur ein Moment, das ist eine Bewegung“, sagt Lyas. „Auch wenn sie aus der Perspektive der Zuschauer*innen kommt, soll sich jede*r eingeschlossen fühlen. Das Herz der Mode sind die Kids, die lernen, lieben und letztlich die Kleidung tragen wollen.“
Den kompletten La WATCHPARTY-Zeitplan für London, Mailand und Paris gibt es demnächst auf Lyas’ Instagram.



















