Ein Blick hinter den Vorhang des Performative Male

Wie Matcha, Clairo und feministische Literatur zum Meme der modernen Männlichkeit wurden.

Mode
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Ein junger Mann lauscht Clairo über kabelgebundene Kopfhörer, sitzt auf einer Parkbank und hält einen Iced Matcha Latte in der Hand. Bewaffnet mit einem Labubu-Plüschanhänger öffnet er die übergroße Tote Bag, die er in einer kleinen Buchhandlung gekauft hat. Er kramt nach einer Zigarette und zieht das Buch hervor, das er gerade liest: „All About Love“ von bell hooks. Er ist erst bei Kapitel eins. Das ist der »performative male«.

Er ist Jacob Elordi, balanciert im selben Arm eine Bottega-Veneta-Bag und einen Iced Matcha Latte. Er ist Paul Mescal im Clairo-Hoodie, Short Shorts und verkabelten EarPods. Er ist Pedro Pascal, der am Strand oberkörperfrei die österreichische feministische Romanautorin Olga Tokarczuk liest. So spielerisch der Trend des „performative male“ auch wirkt – wo genau wurzelt diese Faszination, und warum ruft sie so heftige Reaktionen hervor?

Der „performative male“ ist ein von Gen Z geprägter Archetyp, der zum Mittelpunkt eines viralen Memes wurde. In Social-Media-Posts – von kurzen Sketchen bis zu Textmemes – werden bestimmte Verhaltensweisen satirisch überzeichnet, die Männer in öffentlichen Räumen „aufführen“. Zu den *konkreten* Kriterien gehören etwa Clairo zu hören, Matcha-Hafer-Latte zu trinken oder intellektuelle Bücher zu lesen.

Die ästhetische Konstruktion des metropolitanen Mannes lässt sich bis ins späte 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als Soziologen wie Thorstein Veblen und später Denker wie Pierre Bourdieu die sich wandelnden Klassenverhältnisse und Technologien beschrieben, die moderne Archetypen wie den Dandy hervorbrachten.

In seinem Text von 1899Theory of the Leisure Class, beschrieb Veblen die sozialen Schichtungen, die unter den Männern der Industrieära aufkamen: „Er ist nicht länger einfach nur der erfolgreiche, aggressive Mann – der Mann von Stärke, Einfallsreichtum und Unerschrockenheit.“ Veblen erklärt, dass der Müßiggänger seine Geschmäcker und Interessen akribisch kuratiert, um sein Wissen um „das Edle und das Niedere in konsumierbaren Gütern“ zu demonstrieren.

Ein Jahrhundert später folgte der französische Soziologe Pierre Bourdieu mit seinem Werk von 1979Distinction: A Social Critique of the Judgment of Taste und ging noch weiter. Er schrieb, nichts sei so vornehm wie »die Fähigkeit, banalen Objekten« und Alltagsentscheidungen wie Kleidung oder Dekor »einen ästhetischen Status zu verleihen«.

Echos dieser akribischen Kuration bestätigen den Archetyp des „performative male“ – eine Figur, deren Erscheinung bis ins kleinste Detail seziert wird, von analogen Devices bis zu Nischenreferenzen.

Heute werden die Symbole aktueller Männer-Performance von der Mode in trompe-l’œil-Designs und memefizierte Kampagnen aufgesogen: Klassiker der Literatur wie Baudelaires Les Fleurs De Mal verwandelte Jonathan Anderson bei seinem Dior-Debüt für SS26 in Handtaschen; kabelgebundene Kopfhörer inspirierten das neue RacerPods Necklace von Racer Worldwide, und Aminé × New Balance kündigten die Biblioteca 2000 mit einem Billboard an, auf dem stand: „Stop performative reading. Your matcha will understand.“

Seit den frühen 2000er-Jahren wird das Leben junger Internetnutzer:innen über digitale Plattformen wie Instagram, Snapchat und TikTok inszeniert und öffentlich geteilt. Könnte das ständige Senden und Kuratieren unserer täglichen Aktivitäten, kulturellen Ansichten und Lifestyle-Entscheidungen eine permanente Performance-Mentalität verankert haben?

Carrera Kurnik, Strategin und Anthropologin hinter Internet Anthropology, nutzt Kurzvideos, um zu zeigen, wie Sozialtheorien heutige Phänomene erklären – von luxuriösen Labubus bis zu Gen-Z-Arbeitskämpfen. Zur wachsenden Skepsis gegenüber dem »Performative« sagte sie bei Hypebeast: „Wir schenken dem, was ‚authentisch‘ ist, große Bedeutung – und damit wird ‚performativ‘ zu dessen unerwünschtem Gegenpol.“

@jen.trt 1st performative male contest in Canada taking place in Toronto 🤣🤣🤣 #performativemale ♬ original sound – Jen | Toronto Date Guide – Toronto Date Guide | Jen

Kurnik verweist auf Denker wie Erving Goffman, dessen Arbeit uns Einblicke in die wachsende Spannung zwischen Performance und Authentizität geben kann. Goffmans Text von 1956, The Presentation of Self in Everyday Life, geht von der Annahme aus, dass das gesamte soziale Leben in der Performance verwurzelt ist. „Junge Menschen fühlen sich unter Druck gesetzt, in den sozialen Medien eine Personal Brand zu werden – das hat nicht nur eine Kultur der Performance geschaffen, sondern auch eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Performance“, ergänzte sie.

„Wir leben im Zeitalter von Verschwörungen, Betrügereien und Scams. Dieses kulturelle Klima lässt viele Menschen daran zweifeln, ob man wirklich hinter den Botschaften steht, die man sendet, oder ob das alles nur eine Show zum eigenen Vorteil ist.“

Neben dieser wachsenden Performance-Mentalität hat die grassierende Desinformation, verstärkt durch KI-generierte Inhalte, die Wachsamkeit in Sachen Authentizität und „Realness“ zusätzlich geschärft. „Wir leben im Zeitalter von Verschwörungen, Betrügereien und Scams. Dieses kulturelle Klima lässt viele Menschen daran zweifeln, ob man wirklich hinter den Botschaften steht, die man sendet, oder ob das alles nur eine Show zum eigenen Vorteil ist“, sagte Kurnik.

Tatsache ist: Menschen performen immer – öffentlich wie privat, on wie off camera. Unsere Gesellschaften und regionalen Kulturen beruhen auf bestimmten Haltungen, Verhaltensweisen und Ritualen, von denen wir viele unbewusst abspulen. Neu ist, dass Männer bei ihrer Inszenierung stärker „die Subjektivität ihres weiblichen Publikums“ mitdenken, so Kurnik. Dass der Mann im Meme im Mittelpunkt steht, ist dabei entscheidend. Aufgewachsen in Zeiten wichtiger LGBTQ+-Bewegungen und des intersektionalen Feminismus, blieben junge Männer nicht unberührt von den veränderten Geschlechterdynamiken.

Der Internet-Trend der Lookalike-Wettbewerbe, bei dem Scharen von Männern in Stadtparks als verschiedene Promis auftreten, liefert ein weiteres anschauliches Beispiel männlicher Performance im Mainstream. Kurnik verweist auf virale Events – darunter jüngste Timothée-Chalamet- und Pedro-Pascal-Doppelgänger-Paraden in New York – und betont, dass diese Pageants zwar ironisch gedacht seien, ihr Fokus auf Schwarmstars statt auf Sportidole oder Manosphere-Podcaster aber vielsagend sei. „Sie zeigen einen Wandel darin, wer in der neuen Dating-Kultur performt.“

 

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Doch auch Männer nutzen das Meme inzwischen für ihre eigenen Zwecke und stilisieren den »Performer« dabei oft als verweichlicht oder schwach. „Mir ist aufgefallen, dass Männer online Begriffe wie ‚simp‘ oder ‚whipped‘ benutzen, um andere Männer zu bezeichnen, die angeblich für Frauen performen. Diese Vokabeln sollen sie beschämen und zurück in die Zuschauerrolle drängen“, sagt Kurnik.

Außerdem entspricht die Blaupause des „performative male“ weitgehend den gängigen Klischees dessen, was Frauen in der westlichen Gesellschaft angeblich mögen: die emotionale Tiefe von Singer-Songwriterinnen wie Clairo, Ratgeber- und Theorie-Lektüre feministischer Autorinnen wie bell hooks und irgendeine Form von Tote Bag. Man könnte meinen, das Meme diene lediglich dazu, überholte Geschlechternormen zu zementieren – ganz so simpel ist es jedoch nicht.

Da der Begriff „performative male“ vor allem von Frauen geprägt wurde, verweist Kurnik auf den Begriff des „Heteropessimismus“: die Vermutung, dass der von Männern zur Schau gestellte Feminismus nicht ihren tatsächlichen Überzeugungen entspricht. Man könnte sagen, der Mann verkörpere eine Meta-Männlichkeit – selbstreflexiv, aber mit Hintergedanken. „Manche Frauen haben Angst davor, wer der performative male ist, wenn die Show endet“, ergänzt sie.

In einer Welt, die noch immer von patriarchalen Denkmustern geprägt ist, ist diese Vorsicht völlig nachvollziehbar. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Übervorsicht, als „performativ“ abgestempelt zu werden, Männer nicht davon abhält, aus festgefahrenen Rollen auszubrechen und ihren Horizont zu erweitern.

Wenn eigennützige Motive außen vor bleiben, könnte die wachsende Sensibilität junger Männer für weibliche Subjektivität ein Vorbote dafür sein, ideologische Hürden zu überwinden, die heterosexuelle Männer und Frauen noch trennen. Immerhin war es bell hooks, die sagte: „Komm näher und du wirst sehen: Feminismus ist für alle.“

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