Culture Is Code: Wie 10 Designer:innen beim Clockenflap-Festival „Asianness“ neu dekodieren
Von vietnamesischen Gang-Ästhetiken bis zu Kyoto-Shibori – FASHION ASIA HONG KONG 2025 setzt mit „The Fashion Compass“ neue Koordinaten für asiatischen Style.
Wenn antike Kyo-Yuzen-Färberei auf Military-Workwear trifft und vietnamesischer Street-Rap mit High Fashion kollidiert, spannt FASHION ASIA HONG KONG 2025 unter dem Motto „The Fashion Compass“ mit Clockenflap zusammen, um gemeinsam mit 10 herausragenden Designer:innen des Jahres die Zukunft der asiatischen Mode neu auszurichten.
Kürzlich am Central Harbourfront im Rahmen des Clockenflap Music & Arts Festival gelandet, diente die Ausstellung „10 Asian Designers To Watch“ – unter dem Motto „The Fashion Compass“ – als zentrale Bühne für diese Visionär:innen. Innerhalb der vielseitigen Schau verantwortete die gefeierte lokale Stylistin Chloe Mak ein Special-Projekt, in dem sie festivalfertige Looks aus den Gewinnerkollektionen kuratierte, die anschließend von Jenny Chui in illustrative Artworks übersetzt wurden.
Hypebeast hat die 10 ausgewählten Designer:innen dieses Jahres interviewt, um zu ergründen, wie sie „Asianness“ in der zeitgenössischen Modewelt über einzigartige kulturelle Perspektiven, traditionelles Handwerk und musikalische Inspiration neu definieren.
Sich nicht festlegen lassen: „Culture is Code, Not Costume“
Auf der globalen Bühne wird asiatisches Design oft auf Drachen, Phönixe oder traditionelle Totems reduziert. Für die diesjährigen Ausgezeichneten hat es oberste Priorität, genau diese Stereotype aufzubrechen.
Hung La, der Kopf hinter der vietnamesisch geprägten Marke LỰU ĐẠN, hat sich bewusst für einen „gefährlichen“ Weg entschieden. Stark geprägt von seinem Aufwachsen in den USA der 80er-Jahre und von Gang-Filmen, widmet er sich der Neudefinition asiatischer Männlichkeit und Gang-Ästhetik. „Ich will nicht den höflichen Exotismus von Drachen, Laternen oder Bambus. Für mich ist Kultur Code, kein Kostüm“, sagt Hung La unverblümt. Er betont, dass der Kern von LỰU ĐẠN in Power, Attitüde und Überleben liegt – und entwirft sogar die Vision eines „shared country“ mit eigenen Ritualen.
Auch die chinesische Designerbrand Penultimate stellt kulturelle Symbole infrage. Designerin Xiang Gao macht eine spannende Beobachtung: Warum tragen wir T-Shirts mit der Queen of England oder Kurt Cobain, aber nicht mit unseren eigenen kulturellen Held:innen? In ihrer SS23-Kollektion druckte sie deshalb mutig das Porträt von Shennong – einem mythischen Weisen aus der chinesischen Legende – auf Hoodies. „Ich fragte mich: Warum tragen wir nicht unsere eigenen kulturellen Heroes?“
Oscar Ouyang verkörpert unterdessen die Perspektive des klassischen „Third Culture Kid“. Modisch im Westen ausgebildet, aber tief verwurzelt in ostasiatischem Anime und Handwerk, ermöglicht ihm dieser hybride Background, eine neue ästhetische Sprache zu entwickeln, die zugleich vertraut und fremd wirkt.
Zwischen Klang und Bild: Von Ryuichi Sakamoto bis Hip-Hop-Kassetten
Mit der Rückkehr der Ausstellung zu Clockenflap wurde Musik zur gemeinsamen Inspirationssprache der Designer:innen und beeinflusste direkt ihren Umgang mit Schnitten, Strukturen und Materialien.
Koki Abe, Designer der japanischen Brand KHOKI, erzählt, dass Musik für ihn während des Schaffensprozesses eine Flucht aus der Realität ist. Zuletzt tief eingetaucht in die Werke von Ryuichi Sakamoto, inspirierte ihn dessen grenzenlose Mischung aus Klassik und Pop dazu, traditionelles Kyoto Shibori (Tie-Dye) mit westlicher Militarywear zu verbinden. Genau in dieser spannungsgeladenen Fusion aus rituellem Handwerk und funktionaler Kleidung findet KHOKI seinen ganz eigenen Raum.
Im Gegensatz dazu speist sich der Rhythmus von LỰU ĐẠN aus 90s Hip-Hop und Cantopop. „Jede LỰU ĐẠN-Kollektion beginnt mit einer Playlist – sei es alter Cantopop oder vietnamesische New-Wave-Balladen, die klingen, als würden sie vom Rauschen aufgefressen“, beschreibt Hung La. Dieser Rhythmus steckt in den Silhouetten – wie eine 2Pac- oder Mobb-Deep-Bassline, die sich unter oversized Denim verbirgt.
Tatsuya Tamada von der japanischen Brand Tamme ist stark von Shoegaze-Rock beeinflusst. Dessen immersive Atmosphäre spiegelt sich in seiner strukturellen Ästhetik des Dekonstruierens und Neuorganisierens von Kleidung wider. Inspiriert von Japans Fähigkeit, sich nach dem Krieg anzupassen und weiterzuentwickeln, reagiert er auf gesellschaftliche Veränderungen, indem er Kleidungsformen immer wieder neu strukturiert.
ShaSha Wong von swaying/knit liebt den experimentellen Pianisten Hauschka, dessen Prepared-Piano-Klänge – oszillierend zwischen mechanisch und handgemacht – die „Stärke in der Sanftheit“ ihrer Strickteile widerspiegeln. Sie verwebt die östliche Philosophie des „Liubai“ (bewusst freigelassener Raum) in ihre Knitwear und nutzt räumliche Leere, um Stille und Zurückhaltung auszudrücken – und so eine ganz eigene Bildsprache zu formen.
Fluide Identität: Vom Handwerk in die Welt
Für diese Gruppe von Designer:innen ist Geografie keine Grenze, sondern Nährboden.
Luca Lin von ACT N°1 ist in Italien als Kind chinesischer Eltern aufgewachsen. Dieser doppelte Background erlaubt es ihm, Elemente chinesischer Tuschemalerei und Porzellan ganz selbstverständlich in fließende Print-Designs zu übersetzen. young n sang besteht in ihrem Studio in Korea auf traditionellen Webstühlen, mit denen sie Stoffe von Hand weben, und begreift Handbestickung als „miniature art installations“, die in die Kleidung eingelassen werden. Sie verfolgen eine „Ageless“-Philosophie, die Generationen überspannt: Statt Tradition einfach zu kopieren, schaffen sie Designs, die sich selbstverständlich in einen zeitgenössischen Kontext einfügen.
Hongkongs KIT WAN STUDIOS versteht sich als „storyteller“. Häufig designt Kit Bühnenkostüme für Musiker:innen – seine Arbeiten tragen eine „chaotic beauty“, die Einflüsse aus Hongkong, Skandinavien und sogar dem Weltraum verschmilzt. Er weigert sich, nur über seinen Herkunftsort definiert zu werden: „Ich sehe Helmut Lang nicht einfach als österreichischen Designer. Ich bin Kit Wan, ein Creator, der in unterschiedlichen Bereichen Geschichten erzählt.“
Die chinesische Designerin Zhong Zixin greift die Rattan-Flechtkunst und Holzperlenvorhänge aus ihrer südlichen Heimatstadt auf und verwandelt Erinnerungen an kühle Sommerhäuser in subtile Mode-Details.
Industrie und Community: Von „OEM“ zur eigenen „Voice“
Jenseits der reinen Ästhetik denken diese Designer:innen die Rolle Asiens in der globalen Mode-Lieferkette neu. Die japanische Brand KHOKI stellt sich gegen „individual heroism“ und ist überzeugt, dass Asiens Stärke in der Wertschätzung kollektiver Verbindungen zwischen Teams und Handwerker:innen liegt – im Gegensatz zur westlichen Verehrung des „Individual Genius“.
Diese Auseinandersetzung mit „manufacturing“ zeigt sich auch bei chinesischen Designer:innen. swaying/knit ist überzeugt, dass asiatische Designer:innen an einem Wendepunkt stehen: vom „culture receiver“ zum „culture exporter“, mit dem Anspruch, die Wertschöpfungskette von „Made in Asia“ neu zu definieren. Zugleich betont Zhong Zixin, dass Designer:innen im größten Textilcluster der Welt eine ökologische Verantwortung für die gesamte Supply Chain tragen.
Von LỰU ĐẠNs Versuch, ein „shared country“ zu erschaffen, bis hin zu young n sangs „Ageless“-Philosophie zeigen diese Visionen, dass sich asiatische Designer:innen nicht mehr mit reiner Gestaltung zufriedengeben – sie wollen die Macht, die Zukunft selbst zu definieren.
Diese 10 Designer:innen nutzen ihre ganz eigenen Sprachen, um der Welt zu zeigen, dass asiatisches Design längst kein Einbahn-Export mehr ist, sondern ein globaler Dialog über Handwerk, Musik und Selbstidentität.


















