24 Stunden später: Die erste New-York-Nacht von Dijon
Sein Auftritt im Brooklyn Paramount zeigte nicht nur, wie mühelos Dijon mit Knicks-Clips vom Soundboard und minutenlangen Jam-Sessions einen ganzen Saal zum Ausrasten bringt – sondern auch, was viel seltener ist: wie hypnotisch er eine greifbare, reine Stille beherrschen kann.
Am Morgen nach dem Dijon-Konzert hat es mich mit der schlimmsten Post-Konzert-Depression erwischt, die ich seit dem letzten Mal, als ich Dijon live gesehen habe, erlebt habe. Ich war kurz davor, mich bei der Arbeit krankzumelden.
Zur Einordnung: Das war beim Re:SET Festivalim Forest Hills Stadium im Sommer 2023. Das Line-up an dem Tag, für den ich mir unbedingt ein Ticket sichern musste, bestand aus Dijon, Clairo und Boygenius. Mk.gee spielte Gitarre, bevor irgendjemand überhaupt wusste, wer Mk.gee ist. Es war die Show, zu der Justin und Hailey Bieber kamen; die, bei der die Videos der beiden, wie sie seitlich der Bühne zu Dijon viben, in etlichen Musik-Feeds der sozialen Medien dezent viral gingen.
Zur Untermauerung meines ewigen Genörgels an Festival-Timings: Dijons Set dauerte knapp eine halbe Stunde – aber bis gestern Abend war diese halbe Stunde eine der besten halben Stunden Live-Musik, die ich je erleben durfte. Er spielte den Großteil von Absolutely, das etwas weniger als zwei Jahre zuvor erschienen war, aber es wirkte, als würde der Mainstream gerade erst Gefallen an roher, intimer Instrumentierung finden und endlich den Reiz von „The Dress“ und „Many Times“ begreifen. Den meisten Anwesenden (von denen viele nur wegen Phoebe Bridgers da waren) hat es trotzdem bis etwa letztes Jahr gedauert, zu kapieren, dass „Big Mike’s“ sich auf Mr. Mike Gordon, also Mk.gee selbst, bezieht.
Als Dijon dann die Liste der Tourdaten für Baby, wusste ich, dass ich dabei sein musste.
Was ich allerdings nicht wusste: dass ich Zugang zum Fotograben für die ersten sechs Songs des Sets bekommen würde. Ich war so sehr im Fangirl-Modus, dass mein Impostor-Syndrom gar nicht erst zu Wort kam. Ganz zu schweigen davon, dass das Publikum im Pit unglaublich freundlich war – einer der sichersten Räume, die ich als kleine Frau allein auf Konzerten je erlebt habe.
Das Brooklyn Paramount war außerdem die ideale Location für dieses Set: intim und zugleich architektonisch raffiniert. Mit seinen hohen Decken, Kronleuchtern und Wendeltreppen verströmt das ikonische Haus den eleganten Charme eines klassischen NYC-Theaters und hat bereits etliche A-List- und Newcomer-Acts beherbergt – darunter zwei meiner Favoritinnen: PinkPantheress und Mariah the Scientist.
Ohne Voract kam Dijon pünktlich um 20:45 auf die Bühne, nachdem zuvor alle Bandmitglieder einzeln hinausgelaufen waren. Ruhig und respektvoll – und trotzdem komplett aus dem Häuschen – rastete das Publikum aus. Vereinzelte Schreie hallten durch den Saal: „Dijon, you’re fantastic!“ und „Henry Kwapis, I love you!“ – herrlich liebevolle Zwischenrufe.
Es war die erste von drei Nächten in NYC – heute eine weitere Show im Brooklyn Paramount, gefolgt von einem dritten Abend in Manhattan in der Webster Hall – und es war sofort klar, dass Dijon seinen Big-Apple-Run mit einem Paukenschlag eröffnete. Nachdem er zu Bobby Wrights „Blood of an American“ eingelaufen war, begann er, Clips des Knicks-Spiels zu samplen (das, in dem sie die Pistons schlugen und damit die zweite Runde der letztjährigen NBA-Playoffs klarmachten). „Jaylen Brunson with the 3“, dröhnte aus den Boxen. „The Pistons take a time out.“ Er weiß genau, wie man einen Raum liest.
Zuerst kam „FIRE!“, gefolgt von „Many Times“, letzteres das Ergebnis einer Jam-Session zwischen Dijon und der Band. Nach etwa 50 Sekunden, in denen sie Flow und Tempo fanden, verwandelte sich die instrumentale Improvisation in das Intro von „Many Times“. „Another Baby!“ und „HIGHER!“ leiteten einen langsameren, nachdenklicheren Abschnitt des Sets ein; offenbar eine spontane Entscheidung direkt auf der Bühne, denn Dijon beschloss schließlich, „Annie“ akustisch zu spielen. Es wirkte wie eine echte Aus-dem-Moment-Entscheidung: Dijon gab der Band nur ein paar Handzeichen – und alles, was ich davon mitbekam, war der abschließende Daumen hoch.
Es war deutlich, dass er das reduzierte Arrangement erst perfektionieren wollte, bevor er einsetzte – er stand gut eine Minute am Mikrofon, bevor er mit dem Gesang begann.
Die Stille im Raum war greifbar. Ich kann an einem Finger abzählen, wie oft ich auf einem Konzert war, bei dem der*die Musiker*in das Publikum wirklich komplett zum Schweigen gebracht hat. Irgendwer muss immer etwas rufen oder einen vereinzelten Applaus loslassen. Aber Dijon musste sich gar nicht bemühen; es schien dem Publikum in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, in den ernsteren, intimeren Momenten des Sets automatisch leiser zu werden.
„Baby“ stellte Dijons Live-Mixing in den Vordergrund, sogar Rihannas und Drakes „Work“ schaffte es als Sample in den Mix. Der Musiker spielt jede Nacht ein anderes Set, jede Show wirkt, als würde die Setlist spontan oder kurz davor entschieden. Die morgige Show wird völlig anders aussehen – und wer weiß, was die Webster Hall dann bereithält.
Nach dem Fotograben fanden dann die How Do You Feel About Getting Married?-Tracks „alley-oop“, „rock n roll“ und „jesse” alle ihren Platz im zweiten Teil des Sets. Ein weiterer Absolutely-Track – und mein persönlicher Favorit – „Talk Down“ folgte, eingeleitet von einem längeren, noch eindringlicheren instrumentalen Aufbau. „Yamaha“ und „Automatic“ badeten in einer sich im ganzen Raum entladenden Katharsis, während „(Referee)“, „Rewind“ und „my man“ eine introspektivere Wendung einläuteten – mit dem nostalgischen Fan-Favoriten „The Dress“ elegant dazwischen platziert.
„Kindalove!“ fungierte als ätherischer Abschluss vor der Zugabe und rundete den Hauptteil der Show ab. Während Dijon mittig auf der Bühne stand, wurden die Saallichter etwas heller, ein Spot kreiste über das Publikum, bevor er auf dem Musiker selbst zum Stehen kam. Für die Zugabe kehrte er mit zwei Songs zurück: „Nico’s Red Truck“ und „Rodeo Clown“.
Der einzige Clown war allerdings ich, weil ich mich kurz vor der Zugabe davongestohlen habe, um dem Verkehrschaos auf dem Heimweg zu entgehen. Mein Uber war immerhin ein roter SUV.



















