Die SS27-Trends: Was kommt nach der heißesten Fashion-Saison aller Zeiten?
Während Rekordhitze die Laufstege erobert, liefern Trends wie Aquablau, sonnige Orangetöne, Boxershorts und transparente Hemden die modische Antwort auf steigende Temperaturen.
Vogue Runway
Die SS27-Trends: Was kommt nach der heißesten Fashion-Saison aller Zeiten?
Während Rekordhitze die Laufstege erobert, liefern Trends wie Aquablau, sonnige Orangetöne, Boxershorts und transparente Hemden die modische Antwort auf steigende Temperaturen.
Paris und Mailand haben uns einen ersten Vorgeschmack auf die SS27-Menswear gegeben – und die stärksten Trends der Saison liegen bereits in der Luft. Beim Sichten Dutzender Shows und Lookbooks fiel mir vor allem eines auf: Die aktuellen Kollektionen sind deutlich stärker auf den Sommer eingestellt als das, was für SS26 präsentiert wurde, als Regimentmäntel, Lederhosen und „Granny Knits“ zu den wichtigsten Trends zählten. Zwar prägen diese Überbleibsel die Entwürfe weiterhin, doch weit mehr SS27-Looks wirken tatsächlich saisonal stimmig – vor allem dank Designentscheidungen, die den Körper bei heißem, feuchtem Wetter kühl halten.
Die extreme Hitze, die Ende Juni Europa erfasste, ließ Charli XCX’ „SS26“-Zeile „Wir laufen auf einem Laufsteg, der direkt in die Hölle führt“ weniger wie Übertreibung, sondern vielmehr wie einen Livebericht von den Pariser Catwalks wirken. Tatsächlich war der 25. Juni der heißeste je in Frankreich gemessene Tag – ausgerechnet an dem Tag, an dem Sarah Burton ihre erste Givenchy-Menswear-Kollektion präsentierte und herausragende Shows wie Dries Van Noten, Yohji Yamamoto, Issey Miyake Man und Feng Chen Wang auf dem Programm standen.
Die extreme Hitze, die Ende Juni Europa erfasste, ließ Charli XCX’ „SS26“-Zeile „Wir laufen auf einem Laufsteg, der direkt in die Hölle führt“ weniger wie Übertreibung, sondern vielmehr wie einen Livebericht von den Pariser Catwalks wirken.
Auch wenn SS27 in Kopenhagen, New York und darüber hinaus noch einiges bereithält, geben die wiederkehrenden Signale aus Mailand und Paris bereits einen klaren Ton vor. Am deutlichsten war für mich ein Gefühl von Freiheit – etwas, das die vergangenen Saisons, geprägt von Tailoring und Pelzen, nie wirklich boten. Transparente Looks, Satin, sichtbare Boxershorts und extrem verkürzte Silhouetten schrieben traditionelle Codes neu; zugleich schmückten auffällige Details wie Vogelmotive, Metallnieten und vollflächige Fotoprints die Entwürfe. Farblich entstand ein energiegeladenes Zusammenspiel von Blau- und Orangetönen, das nicht nur an den historischen Sieg der Knicks denken ließ, sondern auch an Sonnenuntergänge am Meer. Das ist fließende, lebensfrohe Mode für längere, heißere Tage – und wenn uns dieser Sommer etwas lehrt, dann, dass noch mehr davon auf uns zukommen.
Lesen Sie weiter und entdecken Sie die wichtigsten SS27-Trends – von unkonventionellen Materialien und verkürzten Silhouetten bis zu den charakterstarken Details, die die Laufstege dominierten.
Wer die transparenten Stoffe auf den SS27-Laufstegen betrachtet, muss unweigerlich an den Barong denken – das traditionelle, durchsichtige Herrenhemd, das auf den Philippinen zu besonderen Anlässen getragen wird. Das formelle Kleidungsstück wird meist aus Piña- oder Abacafasern gefertigt und lässt dank seiner netzartigen Struktur kühlende Luft durch. Da das Wetter im Westen zunehmend den tropischen Klimazonen Südostasiens ähnelt, überrascht es kaum, dass Pariser Maisons dieses hitzetaugliche Prinzip neu interpretieren. Hemden von Kiko Kostadinov und Feng Chen Wang orientierten sich stärker an der ursprünglichen Barong-Silhouette, während bei Dior spannende Varianten als doppelreihige Anzüge und bei Hed Mayner sogar als Hosen zu sehen waren. Frei von schweren Garnen und hitzestauenden Konstruktionen eröffnen transparente Stoffe für SS27 interessante Möglichkeiten fürs Layering – ob dezent durchscheinend oder vollständig transparent.
Glatter Satin
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In der Menswear galt Satin lange als Zierde – als Stoff für Einstecktücher und Krawatten, während die übrige Garderobe von Tailoring und funktionaler Robustheit geprägt war. In dieser Saison verliehen Satinqualitäten, ob synthetisch oder aus Seide, den Looks jedoch Volumen und eine zarte Anmutung. Willy Chavarria setzte auf ein komplettes Ensemble aus geblümtem Satin, Celine auf den reinen Glanz weißen Satins für Hemden und Hosen. Unkonventionellere Einsätze waren ein goldener V-Ausschnitt bei GmBH und ein seidiger brauner Mantel bei Ami Paris. Warum gerade jetzt? Satin ist meist leicht und atmungsaktiv; insbesondere Seidensatin ist zudem seit Langem für seine kühlenden Eigenschaften bekannt. Pyjama-Dressing liegt als Assoziation nahe: ein Satinhemd oder Satinshorts zum Rest der Alltagsgarderobe. Die zurückhaltendere Variante derselben Idee ist ein an der Hüfte gebundener Schal.
Wie unser FW26-Report zeigte, übernahm Karmesin in der vergangenen Saison die Laufstege: Leuchtend rote Stoffe fanden sich überall, von Oberbekleidung bis Strick. Es liegt nahe, dass bei beispiellos steigenden Temperaturen nun die Töne am anderen Ende des Spektrums Aufmerksamkeit auf sich ziehen – als Ausdruck der Sehnsucht nach azurblauem Meer und weiten Küstenhorizonten. Türkis war die prägende Farbe einiger herausragender Shows, etwa bei SHINYAKOZUKA, dessen handwerklich anspruchsvolle Kreationen mit türkisfarbenen Verzierungen schimmerten, oder bei Kiko Kostadinov, der für seine Runway-Präsentation einen blauen Teppich wählte, der seine Palette ergänzte. Ähnliche Himmel- und Elektroblautöne zeigten sich bei Auralee in Lederjacken und Shorts sowie bei Zegna in Loafern, Leinenhemden und Hosen. Zwar wirken Blautöne wie aus dem Meer weniger neutral als Babyblau oder Indigo, doch als Akzent zu einem ansonsten neutralen Look funktionieren sie stark – in übergroßen Hemden, an den Füßen, etwa mit dem Jacquemus x Timberland Boat Shoe, oder sogar nur an den Socken.
Orange Energie
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Als Komplementärfarbe zu Blau trat Orange ebenso stark in Erscheinung – und häufig sogar im selben Look. Bei Dries Van Noten setzte Blutorange einen zurückhaltenden, aber markanten Akzent: am unteren Ende eines Mantels mit Sonnenuntergangsverlauf und auf einer übergroßen Weekender-Tasche. Leuchtendere Orangetöne zeigten sich in einem verkürzten mandarinfarbenen Blouson von Willy Chavarria und einem V-Ausschnitt-Pullover in reinem Orange von Saint Laurent. Seien wir ehrlich: Die Farbe ist weder so beliebt noch so leicht zu kombinieren wie Blau. Ein Rostorange, wie bei Jacquemus, nimmt ihr etwas von ihrer Intensität; beschränkt man leuchtendes Orange auf ein einzelnes Accessoire wie Tasche oder Cap, überfordert der Ton den Look nicht. Unabhängig von Nuance oder Farbton ist der Aufstieg von Orange ein subtiles Signal: Die brennende Sonne ist die eigentliche Hauptfigur von SS27.
Apropos Willy Chavarrías verkürzter mandarinfarbener Blouson: Die Saison brachte auch eine Vielzahl geschrumpfter Jackensilhouetten hervor – vom leuchtend roten Mikro-Caban bei Celine über eine kragenlose Denim-Truckerjacke mit offenen Kanten bei Junya Watanabe bis zu Pradas körpernahen Jacken in unterschiedlichsten Farben und Ausführungen, von Trucker- über Bomberjacken bis Blousons. Ist das Schrumpflation oder eine bewusste Designentscheidung? Abgesehen davon, dass im Sommer weniger Gewicht und Material praktisch sind, ergibt die Verkürzung der Jacken Sinn, wenn man bedenkt, wie viel Aufmerksamkeit auffällige Gürtelschnallen und Hüftaccessoires wie Schals in den vergangenen Saisons erhalten haben. Der Trend zur verkürzten Mikrojacke ebnet zugleich den Weg für die nächste SS27-Silhouette: Boxershorts.
In unserem SS26-Runway-Report haben wir weite, locker sitzende „Mega-Shorts“ als wichtigste Hosenform der Saison ausgemacht. Auch wenn dieser Stil weiterhin Einfluss zeigt, gewinnt parallel sein diametraler Gegenpol an Bedeutung: die Boxershorts. Ob über dem Hosenbund hervorblitzend oder ganz offen als Oberbekleidung getragen – Boxershorts könnten den neuen Wandel bei den Unterteilen für SS27 markieren. Eine Reihe von Designer:innen, die den Zeitgeist der Menswear prägen – darunter JW Anderson, Willy Chavarria und Dries Van Noten –, brachte unverhüllte Boxershorts in die Kollektionen. Während Labels wie GmbH und Charles Jeffrey Loverboy mit klassischen Vichykaros und Streifen spielten, verliehen Anderson und Simone Rocha der Silhouette mit floralen Satinbrokaten eine luxuriöse Note. Verstehen Sie das als Signal: Ihre Boxerbriefs gehören ab 2026 und darüber hinaus ebenfalls zum Outfit – ganz gleich, ob sie jemand zu sehen bekommt oder nicht.
Schon im Vorfeld der SS27-Präsentationen lag die Verbindung von dekorativen Verzierungen und funktional geprägten Kleidungsstücken in der Luft. So wird die charakteristische Ästhetik des aufstrebenden Labels Satoshi Nakamoto von aufwendigen Strasssteinen und Nieten bestimmt, besonders bekannt vom Schuh Vans Era 95 Gems. Eine ähnliche Handschrift zeigte sich bei einer Reihe von SS27-Teilen von Dolce & Gabbana, wo übergroße Steine in Jeans und Pullover eingelassen waren. Louis Vuitton verzierte seine Jeans derweil dezent mit Monogrammformen – eine Anspielung auf die Motive von Chrome Hearts und die Online-Debatten, die das Label aus Los Angeles im vergangenen Jahr auf sich gezogen hat. Diese verzierten Jeans zeigen, wie vielseitig Denim mit Nieten sein kann: von einer schlichten Kontur entlang der Nähte wie bei Acne Studios bis zu opulenteren Nietenwirbeln bei Bluemarble.
Von friedenbringenden Tauben bis zu ätherischen japanischen Kranichen: Der unerwartete Star der SS27-Prints und -Grafiken waren Vögel. In ihren zahllosen Formen werden sie in Kulturen weltweit verehrt und erschienen hier in unterschiedlichsten Stilrichtungen – als handillustriertes Vogel-T-Shirt bei Yohji Yamamoto, in den ostasiatisch inspirierten Kranichprints von Wooyoungmi oder als Vogelsilhouetten im Flug bei SHINYAKOZUKA. Als Symbole für Frieden, Freiheit, Weisheit und Langlebigkeit sind Vögel ein willkommenes Detail in unruhigen, unberechenbaren Zeiten. Das Motiv ist uralt, doch die Bandbreite erzählt die eigentliche Geschichte: handgezeichnet, bestickt, gedruckt, als Silhouette – jedes Haus findet im selben Gedanken seinen eigenen Vogel.
Prints werden größer, Punkt. In dieser Saison wurden fotografische und kunstinspirierte Motive auf überdimensionale Größen aufgeblasen, teils bedeckten sie den gesamten Look von Kopf bis Fuß. In Paris verfolgten zwei japanische Designer einen ähnlichen Ansatz: Chitose Abe von sacai zeigte einen Zweiteiler, in dessen Stoff ein Vintage-Foto aus einem Nachtclub eingewebt war; bei SHINYAKOZUKA wurde eine grün getönte Stadtsilhouette auf eine Jacke übertragen und anschließend auf transparente Caprihosen gedruckt. Hyacn und Simone Rocha wählten dagegen einen subtileren Weg und beschränkten vollflächige Fotoprints – ein blaues Porträt beziehungsweise ein Blätterdach – auf ihre klassische Anwendung auf langärmeligen Rundhalspullovern. Das ist ein alltagstauglicherer Einstieg in den Wandel. Noch weitgehend unerforscht ist die untere Hälfte: vollständig bedruckte Hosen oder Shorts, bei denen die Grafik auf einen Teil des Outfits wandert, der sie sonst selten trägt.
Ausblick
Justin Shin/Getty Images
Auch wenn die SS27 Fashion Weeks in Paris und Mailand abgeschlossen sind, gibt es in Kopenhagen und New York noch mehr zu entdecken. Und obwohl die Saison noch ein Jahr entfernt ist, werden Entscheidungen zu Stoffen, Farben und Silhouetten wahrscheinlich weiterhin von den konstant steigenden Temperaturen beeinflusst. Das bedeutet nicht das Aus für Hosen oder lange Ärmel, wohl aber, dass wir Klassiker mit Blick auf die Saison neu denken müssen.
Die SS27-Trends wurzeln zwar im praktischen Bedürfnis, dem Körper bei Hitze mehr Freiheit zu geben, bringen aber zugleich Teile hervor, die klassische Konventionen der Menswear dehnen. Das übergeordnete Gefühl von Freiheit – getragen von freizügigen Kleidungsstücken und leichten Materialien – bildet ein ideales Gegengewicht zu den maßgeschneiderten Tweeds und Ledern, die vergangene Saisons dominierten. Spannend wird sein, ob transparente, glänzende Looks weiterhin mit Menswear verschmelzen und ob Konsument:innen tatsächlich bereit sind, bis auf ihre Boxershorts blankzuziehen oder lieber bei den übergroßen Silhouetten von SS26 bleiben.
SS27 ist weniger ein großer Bruch mit dem, was Menswear bislang bot, als eine Lockerung jahrhundertealter Codes, angepasst an unsere neue Realität.
Theoretisch wirkt diese Befreiung des Körpers durchaus plausibel. In der Praxis deutet die zurückhaltende Geschichte der Menswear jedoch darauf hin, dass eine Verbindung dieser gegensätzlichen Haltungen wahrscheinlicher ist als ein klarer Bruch. SS27 ist weniger ein großer Bruch mit dem, was Menswear bislang bot, als eine Lockerung jahrhundertealter Codes, angepasst an unsere neue Realität. Die Mode trägt der Tatsache zunehmend Rechnung, dass unter extremen Bedingungen weniger Raum bleibt, sich für Fantasie und Idealismus zu kleiden. Das gilt auch für Konsument:innen, die durch Markenvermittlung und digitale Influencer wie den Fabricatuerialist immer besser darüber informiert sind, welche Stoffe sie tragen sollten.
Zum Schluss stellt sich vielleicht die Frage, welche Rolle Jeans mit Nieten, Vogelmotive und vollflächige Prints in dieser von Praktikabilität geprägten Geschichte spielen. Sie schützen zwar nicht vor der Hitze, stehen aber für die Idee, dass transparenter und kürzer keineswegs im Widerspruch zu einem ausdrucksstarken Stil stehen. Die letzten drei Trends mögen zunächst wie ein Ausbruch aus dem Thema wirken, erfüllen aber eine wichtige Funktion: Sie zeigen, dass auch trotz der Hitze Raum für eigenständige Looks bleibt. Wie wir uns kleiden, wird zwar zunehmend stärker von Funktion als von kurzlebigen Trends bestimmt – doch ein Stil, der von Individualität und Ecken und Kanten lebt, wird so schnell nicht verschwinden.
Der lang erwartete Performance-Sneaker ist diese Woche am Start – zusammen mit neuen Paaren von AURALEE x New Balance, NEIGHBORHOOD x Y-3, Feid x Salomon und mehr.