Dozie Kanu zelebriert die Architektur der Erinnerung in „The Second Shadow“
Gemeinsam mit dem verstorbenen Marc Camille Chaimowicz verwandelt er die Fondazione ICA Milano in eine immersive Erinnerungslandschaft.
Dozie Kanu kehrt mit einem neuen, immersiven Dialog zurück in der Fondazione ICA Milano. Ab dem 19. März bringt „The Second Shadow“ den in Houston geborenen und in Portugal lebenden Künstler mit dem verstorbenen Marc Camille Chaimowicz für eine Ausstellung zusammen, die die Grenzen zwischen Skulptur, Häuslichkeit und Erinnerung verschwimmen lässt. Kuratiert von Rita Selvaggio, verzichtet das Projekt auf die klassische White-Cube-Präsentation zugunsten zweier autonomer „Räume“, die als psychologische Landschaften fungieren.
In diesem parallelen Setting fungiert Kanus Beitrag als lebendiges Archiv, in dem sich seine eigene skulpturale Praxis mit Werken aus der Nicoletta Fiorucci Collection verbindet. Bekannt dafür, eine spannungsreiche Kunsthaftigkeit in wiederverwendeten Materialien und gefundenen Objekten aufzuspüren, nutzt Kanu diese ortsspezifische Intervention, um die Distanz zwischen funktionalem Design und autobiografischer Erzählung zu überbrücken. Entsteht ein eindringlicher Blick auf das „Doppelte“, bei dem Einfluss nicht als direkte Linie verstanden wird, sondern als fortwährender Prozess der Brechung.
Im Folgenden unser Q&A mit Dozie Kanu, in dem er die Entwicklung seiner Praxis und die Entstehung von The Second Shadow erläutert.
„Dass meine Praxis mit der von Chaimowicz in Dialog tritt, ermöglicht es den Betrachter*innen, zwischen zwei unterschiedlichen Vorstellungen davon zu wechseln, wie Objekte Emotion, Erinnerung und Identität in sich tragen können.“
Wie verändert sich der Blick auf deine Arbeiten – oder die Art, wie sie genutzt werden sollen –, wenn sie direkt neben dem Zimmer von Chaimowicz platziert sind?
Meine Arbeit in unmittelbarer Nähe zu Chaimowicz’ Zimmer, das er seiner Bewunderung für Jean Cocteau gewidmet hat, erzeugt eine Art zeitübergreifendes Gespräch über den häuslichen Raum, soziale Stellung und darüber, wie Bedeutung allein durch Nähe anwachsen kann. Marcs Arbeit ist sehr atmosphärisch. Er achtet auf Anordnung und strahlt eine große Sensibilität für Geschmack und Innenleben aus. Meine Arbeit speist sich aus anderen Referenzen, aber auch ich setze mich intensiv mit dem häuslichen Raum als Ort auseinander, an dem kulturelle Werte einstudiert und performt werden. Im Grunde genommen erlaubt meine Praxis im Gespräch mit Chaimowicz den Betrachter*innen also, sich zwischen zwei unterschiedlichen Auffassungen davon zu bewegen, wie Objekte Emotion, Erinnerung und Identität tragen können.
Was hat dich dazu bewegt, bestimmte Werke aus der Nicoletta Fiorucci Collection auszuwählen, um sie neben deinen neuen Arbeiten zu zeigen?
Ich habe versucht, die Auswahl nicht als klassische kuratorische Übung oder als Aufbau eines historischen Arguments zu begreifen. Ausgangspunkt war für mich vielmehr Marc Camille Chaimowicz’ Beziehung und Bewunderung für Jean Cocteau, den er weniger als direkte Referenz, sondern eher als eine Art phantomhafte Begleitung seiner eigenen Formierung beschrieben hat. Dieser Gedanke ist mir nahe geblieben. Ich habe mich darauf konzentriert, Arbeiten aus Nicolettas Sammlung auszuwählen, die in ähnlicher Weise zu meiner eigenen Praxis in Beziehung treten können – nicht als direkte Zitate oder Einflüsse, sondern als Werke, die bestimmte Aspekte meiner künstlerischen Sprache widerspiegeln oder weiterführen.
Bei der Auswahl ging es dann darum, Künstler*innen und spezifische Praxen zu identifizieren, die Themen berühren, die in meiner eigenen Arbeit präsent sind – sei es Möbel und häuslicher Raum, die wie Skulptur behandelt werden, Fragen nach ambiger oder konstruierter Subjektivität oder Materialien, die Erinnerung tragen, ob politisch, persönlich oder diasporisch. Ich wollte diese Ideen nicht plakativ illustrieren, sondern die Werke im Raum fast wie Gefährt*innen nebeneinander existieren lassen, sodass der Raum zu einem Ort wird, an dem diese unterschiedlichen Sensibilitäten koexistieren und sich leise gegenseitig beeinflussen.
In dieser gedanklichen Haltung ist meine Inszenierung weniger eine kuratierte Ausstellung als vielmehr eine Art lebendige Umgebung oder konstruiertes Interieur, in dem meine Arbeiten und die ausgewählten Werke dem Raum helfen, über sich selbst nachzudenken. Sie sind nicht dazu da, direkt miteinander verglichen zu werden, sondern eine mentale und emotionale Architektur rund um die Ausstellung aufzubauen, in der Einfluss räumlich und atmosphärisch spürbar wird, statt didaktisch vorgekaut zu werden.
Verändert die Präsentation deiner Arbeiten in einer großen Mailänder Institution wie dieser die Geschichte des Schrotts und der gefundenen Objekte, die du verwendest?
Gefundene oder zusammengesuchte Materialien bringen automatisch ein früheres Leben, eine frühere Funktion mit – und wenn sie in den White Cube gelangen, treten sie in eine andere Ökonomie von Wert und Bedeutung ein. Dieser Übergang hat mich immer fasziniert. Dass dasselbe Objekt sich von etwas Weggeworfenem zu etwas Bewahrtem wandeln kann, sagt sehr viel darüber aus, wie Wert ganz grundsätzlich zugeschrieben wird.
„Wenn die Menschen überhaupt etwas daraus mitnehmen, dann hoffe ich, dass es die Erkenntnis ist, dass Erbe nichts Passives ist. Es ist etwas, das man im Laufe der Zeit aufbaut, überarbeitet und immer wieder neu interpretiert.
Da die Schau sich mit Erbe und Weitergabe beschäftigt: Was hoffst du, nehmen die Menschen aus dem Archiv mit, das du hier aufgebaut hast?
Ich habe über Erbe nicht nur im Sinne von Objekten nachgedacht, sondern auch im Sinne von Wissen, Referenzen und Sehweisen. Für mich steht die größere Frage im Raum, was es bedeutet, Kultur zu erben, wenn sich die Beziehung zur Geschichte fragmentiert oder teilweise ausgelöscht anfühlt. Vieles in meiner Arbeit dreht sich darum, eine visuelle Sprache zu entwickeln, die sich wie etwas anfühlt, das meiner Generation und meinem Hintergrund gehört, dabei aber das, was zuvor da war, anerkennt. Das Archiv in dieser Ausstellung ist daher nicht wirklich ein Archiv im traditionellen Sinne. Es ist eher ein persönlicher Index von Einflüssen, Materialien und Bildern, die geprägt haben, wie ich denke und fühle. Wenn die Menschen überhaupt etwas daraus mitnehmen, hoffe ich, dass es die Idee ist, dass Erbe nichts Passives ist. Es ist etwas, das man im Laufe der Zeit aufbaut, überarbeitet und neu interpretiert. Viele Formen künstlerischen Ausdrucks berühren mich bei der ersten Begegnung noch nicht, finden aber mit der Zeit – über Jahre hinweg und durch wiederholte Wiederbegegnungen – doch einen Weg, mein Interesse zu fesseln.
Abgesehen von dieser Ausstellung: An welchen Projekten arbeitest du derzeit?
Im Moment arbeite ich in mehrere Richtungen zugleich. Ich entwickle weiterhin skulpturale Arbeiten und Ausstellungsprojekte, aber ich widme auch zunehmend Zeit dem Nachdenken über Film und Architektur als längerfristige Vorhaben. Film interessiert mich, weil sich damit eine vollständige Welt konstruieren und der emotionale Rhythmus äußerst präzise steuern lässt. Architektur fasziniert mich, weil sie im Maßstab des täglichen Lebens und der Gemeinschaft wirkt.
Langfristig interessiert mich, wie diese unterschiedlichen Disziplinen – Objektproduktion, Ausstellungsarbeit, Film und Architektur – als verschiedene Arten des Gestaltens zusammenfinden können, um zu beeinflussen, wie Menschen sich durch Räume bewegen und wie sie ihre Umgebung wahrnehmen. Skulptur ist für mich derzeit nur ein Teil dieser größeren Auseinandersetzung.
Fondazione ICA Milano
Via Orobia 26, 20139
Milano MI, Italy



















