Lenken britische Designer jetzt die Modebranche?
Die Gewinner der 2025 Fashion Awards, Jonathan Anderson und Grace Wales Bonner, stehen für den wachsenden Einfluss britischer Designer in der globalen Modeindustrie.
Bei den 2025 Fashion Awards gestern Abend in London, ausgerichtet vom British Fashion Council, wurden die einflussreichsten britischen Designer:innen des Jahres geehrt. Jonathan Anderson wurde bereits zum dritten Mal in Folge als Designer of the Year ausgezeichnet, Grace Wales Bonner erhielt zum zweiten Mal den Titel Menswear Designer of the Year und Sarah Burton gewann Womenswear Designer of the Year für ihre Arbeit bei Givenchy.
Der aktuelle Moment markiert einen Wendepunkt für britische Modedesigner:innen, die immer häufiger an der Spitze der klassischen europäischen Modehäuser stehen. In diesem Jahr wurden Jonathan Anderson und Grace Wales Bonner berufen, die legendären Labels Dior beziehungsweise Hermès zu übernehmen. Ähnlich erging es Sarah Burton, die mehr als 25 Jahre beim britischen Label Alexander McQueen verbrachte und erst im vergangenen Jahr als neue Creative Director von Givenchy ernannt wurde.
Die Ergebnisse der Fashion Awards stehen im deutlichen Kontrast zu denen der amerikanischen 2025 CFDA Fashion Awards, die sich stärker auf vertraute Namen als auf die avantgardistischen Stimmen der vergangenen Jahre konzentrierten. Branchenveteran Ralph Lauren gewann Womenswear Designer of the Year, Thom Browne wurde als Menswear Designer of the Year ausgezeichnet und The Row erhielt den Titel Accessories Designer of the Year. Anders als die diesjährigen Gewinner:innen der Fashion Awards stehen jedoch keine der drei großen CFDA-Preisträger:innen an der Spitze bedeutender Maisons.
Doch Anderson, Wales Bonner und Burton sind nicht die einzigen britischen Designer:innen, die derzeit große Häuser führen. Louise Trotter feierte ihr Debüt bei Bottega Veneta, Peter Copping stellte seine erste Kollektion für Lanvin während der Paris Fashion Week SS26 vor, und Maximilian Davis präsentierte zu Beginn des Jahres seine erste Ferragamo-Kollektion. Und natürlich übernahm Daniel Lee, der Bottega Veneta einer neuen Generation nahegebracht hat, 2022 seinen neuen Posten bei Burberry.
Tatsächlich steht auch eine Handvoll US-Amerikaner:innen an der Spitze großer Häuser, allen voran Pharrell bei Louis Vuitton und Daniel Roseberry bei Schiaparelli. In diesem Jahr kamen einige weitere hinzu: Michael Rider gab sein Debüt bei Celine, und Lazaro Hernandez und Jack McCollough übernahmen die kreative Leitung von Loewe. Dennoch erreicht keiner dieser Designer:innen (mit Ausnahme von Pharrell) derzeit den kulturellen Einfluss von Anderson und Wales Bonner.
Der führende Einfluss britischer Designer:innen auf die globale Mode ist unbestreitbar. Die japanische Mass-Market-Brand Uniqlo, die in diesem Jahr Rekordgewinne verzeichnete, ernannte im September 2024 die britische Designerin Clare Waight Keller (zuvor Givenchy und Chloé) zur globalen Creative Director. Zudem hält Jonathan Anderson seit fast zehn Jahren eine kontinuierliche JW Anderson x Uniqlo-Linie. Darüber hinaus arbeitet Grace Wales Bonner seit 2020 regelmäßig mit adidas Originals zusammen – eine laufende Partnerschaft, die jüngste Trends mitgeprägt hat, etwa das zeitgenössische Revival des adidas Samba.
Was macht diese britischen Designer:innen also so erfolgreich? Neben der geografischen Nähe zu Europas legendären Häusern profitieren sie von renommierten Modeschulen wie dem London College of Fashion (Andersons Alma Mater) und Central Saint Martins (die Alma Mater von Burton und Wales Bonner). Sowohl das London College of Fashion als auch Central Saint Martins (CSM) werden regelmäßig zu den weltweit führenden Modeschulen gezählt. CSM gilt aufgrund seiner geringen Aufnahmerate als besonders exklusiv und ist berühmt dafür, Schwergewichte der Mode wie Lee Alexander McQueen, John Galliano, Phoebe Philo, Riccardo Tisci und Kim Jones hervorzubringen.
Abseits der Universitäten verfügt Großbritannien über eine markante sartoriale Geschichte, die in Savile Row verwurzelt ist – jener Londoner Straße, die seit dem 18. Jahrhundert als Hauptstadt der traditionellen Maßschneiderei gilt. Relevant ist das, weil Handwerkskunst im Jahr 2025 im Diskurs der Designer:innen eine zentrale Rolle einnimmt. Ultra-Fast-Fashion-Labels wie Shein stoßen beim Eintritt in westliche Märkte zunehmend auf Gegenwind, während generative KI in der Branche immer präsenter wird und ethische Fragen nach Kreativität aufwirft.
Designer:innen wie Anderson und Wales Bonner stehen nicht nur für die Kontinuität britischer sartorialer Traditionen, sondern auch für ihre kompromisslose Hingabe an Authentizität und Handwerkskunst, obwohl sie in die obersten Ränge der Modewelt aufgestiegen sind. Beide betonen regelmäßig traditionelle Herstellungsmethoden – von Andersons klassischer „Made in England“-Knitwear bis hin zu Wales Bonners Outerwear-Collab mit den Savile-Row-Schneidern Anderson and Sheppard.
In einer Ära, in der Influencer- und Ambassador-Kultur oft von der Vorrangstellung des Handwerks ablenkt, ist es nur folgerichtig, dass Menschen sich zu Designer:innen hingezogen fühlen, die Tradition weitertragen. Letztlich ist es ihre Balance aus persönlicher künstlerischer Perspektive und der Bewahrung sartorialer Vermächtnisse, die sie nicht nur zu Director:innen berühmter Häuser macht, sondern zu Wegweiser:innen für die Zukunft der Modeindustrie.
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