Hinter dem viralen Beat: Creepy Nuts über Anime, Ambitionen und die Kunst der Überraschung

Hypebeast traf das japanische Hip-Hop-Duo bei seinem ersten Solokonzert in Hongkong.

Musik
2.3K 0 Kommentare

Das japanische Hip‑Hop‑Duo Creepy Nuts hat sein erstes Solokonzert in Hongkong gegeben. Es besteht aus dem dreifachen Rap‑Battle‑Champion R‑Shitei und dem DMC World DJ Champion von 2019, DJ Matsunaga – eine explosive Kombination zweier Meister ihres Fachs. Die Bühne im Hongkonger Kitty Woo Stadium beherbergte nicht bloß ein Konzert; sie entfachte einen eklektischen Hip‑Hop‑Karneval. Trotz der intimen, bis auf den letzten Platz gefüllten Location und der unvermeidlichen Sprachbarriere war die Energie im Saal von der ersten Sekunde an elektrisch. Das Duo eröffnete die Show mit „22nd year of junior high school“, dem Opener ihres neuesten Albums, LEGION, und setzte sofort die Messlatte für eine hochoktanige Nacht.

Die Intensität zog sofort an, als sie eine Serie energiegeladener Tracks zündeten – nahtlos vom harten Techno‑Dance von „Doppelgänger“ zum Jersey‑Drill‑artigen Beat von „Biriken“. R‑Shiteis Markenzeichen, seine Schnellfeuer‑Verse, getragen von DJ Matsunagas pumpenden Basslines und eingängigen Beats, rissen die hungrige Crowd augenblicklich mit. Als MC, zuständig fürs Moderieren und Anheizen, gewann der Rapper die Leute im Nu, indem er englische, kantonesische und japanische Phrasen mischte, um seine echte Freude und Aufregung auszudrücken.

Die Begeisterung ihres Publikums in Hongkong ist eine Momentaufnahme von Creepy Nuts’ Durchbruch ins Mainstream‑Bewusstsein über die Grenzen ihrer Heimat hinaus. Auf die Frage, ob die internationale Aufmerksamkeit, angeführt von Hits wie „Bling‑Bang‑Bang‑Born“, ihre kreativen Prozesse verändert habe, bestätigt R‑Shitei: „Es hat sie definitiv beeinflusst, gerade was das Schreiben der Texte angeht. Wir haben durch Shows im Ausland viele Inspirationen und Erfahrungen gesammelt, und natürlich haben diese Erlebnisse meine neuen Texte geprägt.“

Für DJ Matsunaga fällt die Veränderung subtiler aus. „Was meine kreative Haltung angeht, glaube ich nicht, dass es eine nennenswerte Veränderung gibt. Ich schreibe weiterhin spontan, worauf ich in dem Moment Lust habe“, erklärte er. Dennoch fließt die internationale Erfahrung nun in seine Produktionen ein: „Ich habe angefangen zu beobachten, wie sich das Publikum zu unseren Songs bewegt und reagiert… Ich denke inzwischen auch darüber nach, wie sie dazu tanzen oder mit unserer Musik interagieren könnten. Das habe ich im Kopf, wenn ich produziere und mit neuen Sounds experimentiere.“

Die Wandelbarkeit ihres Sounds ist genau das, was das Duo ausmacht. Gefragt, was den typischen Creepy‑Nuts‑Sound konstituiert, entschied sich R‑Shitei für ein Wort: „Verzerrung“. Damit meint er, „die Regeln stereotyper Vorstellungen verschiedener Genres und Stile zu brechen“. Diesen Bruch sehen sie als kreative Stärke, wie R‑Shitei betont: „Unsere Songs sind in jeder Ära fast komplett anders, aber genau das macht ihren Reiz aus.“

„Unsere Songs sind in jeder Ära fast komplett anders, aber das macht sie eben auch so spannend.“ – R‑Shitei

Deutlich in viralen Hits wie „Otonoke“, zeigt, hat das Duo ein Händchen dafür, unvergessliche Anime‑Titelmelodien zu schreiben. Auch wenn es wirkt, als hätten sie die virale Formel geknackt, wurzelt ihr kreativer Ansatz in echter Aufrichtigkeit. R‑Shitei verrät seine lyrische Strategie: „Ich schreibe im Grunde Texte über mich selbst. Wenn wir also eine Titelmelodie für eine Anime‑Serie machen, greife ich Themen, Figuren, Objekte oder Phänomene aus der Serie auf und suche nach Überschneidungen mit etwas Persönlichem.“ DJ Matsunaga setzt derweil auf Überraschung: „Ich will immer einen Sound erschaffen, den man in einem Anime nicht als Opening oder Ending erwarten würde.“

Die leidenschaftliche Reaktion des Publikums war bei allen Anime‑bezogenen Tracks unübersehbar, beginnend mit dem jazzigen „Daten“ (aus Call of the Night), das den Saal erstrahlen ließ, als die Fans mitsangen. Die Intensität erreichte ihren Höhepunkt mit einer furiosen, nahtlosen Abfolge von „Japanese“, „Chxxai“, und dem allgegenwärtigen „Bling‑Bang‑Bang‑Born“. Neuen Hörerinnen und Hörern rät R‑Shitei, ins neue Album einzutauchen: „Alles, was wir gerade zeigen wollten, steckt in unserem aktuellen Album, LEGION, deshalb wünschen wir uns, dass neue Fans wirklich jeden einzelnen Track aufmerksam hören“, und hebt dabei das textgetriebene „Japanese“ sowie „Emmanuelle“.

„Chxxai“, ein weiterer herausragender Track von LEGION, gewährt einen Einblick in R‑Shiteis Schreibprozess. Der Songtitel, so erklärte er, sei tatsächlich von einem vulgären Online‑Slang inspiriert, auf den er zufällig gestoßen ist. „Die Texte waren die Inspirationsquelle, aber ich habe auch die Szenerie einfließen lassen, die ich sah, als ich spät nachts allein durch Kabukicho und Shinjuku lief“, sagte er. Dieser lyrische Schnappschuss aus Tokios Rotlichtviertel wird von DJ Matsunagas Dark‑Trance‑Beat zum Leben erweckt, der das Wirrwarr gedämpfter Klänge aus den Underground‑Clubs und Bars der Gegend perfekt einfängt.

Während R‑Shitei das Mikro kommandiert, lässt DJ Matsunaga sein Elite‑Können sprechen. Instrumentale Breaks im Laufe des Abends gaben Einblick in die Weltklasse‑Technik des World‑DJ‑Champions – vollgepackt mit akribischem Turntablism und Scratch‑Improvisationen. Mitunter stammen sogar subtile Vokalelemente in ihren Songs von ihm, wie R‑Shitei anmerkte: „Die stimmenartige Passage im Intro mancher Songs, etwa die Zungenklicks, ist in Wahrheit DJ Matsunagas Stimme und kein digitaler Effekt.“ Matsunaga ergänzte, er singe auch die geloopten Motive für „Nemure“, ihre neueste Single und das Ending von Call of the Night Staffel 2.

Der unvergesslichste Moment des Abends war die ungeplante Zugabe. Nach Minuten unablässigen Jubels kehrten die beiden auf die Bühne zurück und gaben zu, dass sie kein zweites Set vorbereitet hatten. R‑Shitei schlug zunächst vor, „Otonoke“ noch einmal zu spielen, doch die unmissverständliche Forderung nach dem Fan‑Favoriten, „Joen Dan’yū-shō“ (Bester Nebendarsteller), war unmöglich zu überhören. Gesagt, getan: Hongkong bekam eine exklusive Version dieses Hidden Gems, garniert mit einem besonderen Freestyle‑Vers – ein echter, unvergesslicher Liebesbrief an ihr Publikum bei ihrem ersten Solokonzert in Hongkong.

„Ich will immer einen Sound kreieren, den man in einem Anime nicht als Opening oder Ending erwarten würde.“ – DJ Matsunaga

Selbst für ein Duo aus Champions bringt eine Liveshow eigenen Druck mit sich. R‑Shiteis größte Herausforderung ist nicht ein einzelner Track, sondern die Setlist selbst: „Wenn ich einen intensiven Track nach dem anderen ohne Pause performen muss, fällt das Atmen ein wenig schwer.“ Für DJ Matsunaga sind es die instrumentalen Breaks: „Ich finde es jedes Mal schwierig, weil der Druck da ist, etwas Spektakuläres zu liefern“, gab er zu.

Während Creepy Nuts auf ihren Auftritt beim Coachella im nächsten Jahr blicken, ist ihre Botschaft an internationale Fans simpel: Erlebt die Musik frei. R‑Shitei hofft, dass die Fans sie „beim Hören einfach fühlen“ – egal, ob sie wild dazu tanzen oder konzentriert zuhören. DJ Matsunaga stimmt zu und ergänzt: „Ich freue mich, wenn ihr euch die Mühe macht, die Bedeutung der Texte nachzuschlagen… aber ich habe versucht, es so zu gestalten, dass es auch nur beim Zuhören Spaß macht.“ Nach so einer erfolgreichen und fordernden Nacht – bei R‑Shitei wuchs die Lust auf Yakiniku, bei DJ Matsunaga die auf Tonkatsu zum Auftanken – ist das Duo voller Energie und bereit für die nächste Etappe ihrer Tour.


Gesamten Artikel lesen

Was Sie als Nächstes lesen sollten

Alles, was diese Woche bei Palace droppt
Mode

Alles, was diese Woche bei Palace droppt

Angeführt von Collab-Pieces mit Mark Bodē.

Baracuta x Barbour präsentieren ihre dritte Collab-Kollektion
Mode

Baracuta x Barbour präsentieren ihre dritte Collab-Kollektion

Im Fokus: die G9 Harrington Jacket und eine neu interpretierte Bedale Jacket.

Clarks Originals x INVINCIBLE präsentieren den neu interpretierten Wallabee
Schuhe

Clarks Originals x INVINCIBLE präsentieren den neu interpretierten Wallabee

Erscheint in zwei Colorways.


FREAK’S STORE x Jujutsu Kaisen: Capsule-Kollektion rückt Schlüsselbilder aus dem Anime in den Fokus
Mode

FREAK’S STORE x Jujutsu Kaisen: Capsule-Kollektion rückt Schlüsselbilder aus dem Anime in den Fokus

Von Gojos Domain Expansion bis zu Yuji Itadoris Black Flash.

Erster Blick: Nike SB Air Force 1 Low „Flax“
Schuhe

Erster Blick: Nike SB Air Force 1 Low „Flax“

Das Nike SB-Team bringt nächstes Jahr eine eigene Skate-Version des AF1 heraus.

Louis Vuitton und Takashi Murakami präsentieren auf der Art Basel Paris die neue Artycapucines-Kollektion
Kunst

Louis Vuitton und Takashi Murakami präsentieren auf der Art Basel Paris die neue Artycapucines-Kollektion

11 verspielte Neuinterpretationen – plus eine immersive Installation.

Künstlerin Erika Rivera verwandelt Erinnerungen mit Clase Azuls „Recuerdos“ in Kunst
Kunst

Künstlerin Erika Rivera verwandelt Erinnerungen mit Clase Azuls „Recuerdos“ in Kunst

Riveras elfenbeinfarbene Karaffe zeigt eine stille Ofrenda, umgeben von Geistern in sanften Tönen.

Nike GT Future bringt „Fire“ auf die Basketball-Courts: Die besten Sneaker-Drops dieser Woche
Schuhe

Nike GT Future bringt „Fire“ auf die Basketball-Courts: Die besten Sneaker-Drops dieser Woche

Der lang erwartete Performance-Sneaker ist diese Woche am Start – zusammen mit neuen Paaren von AURALEE x New Balance, NEIGHBORHOOD x Y-3, Feid x Salomon und mehr.

Palace x Barbour sind zurück: Capsule für Winter 2025
Mode

Palace x Barbour sind zurück: Capsule für Winter 2025

Mit dabei: ein Hundemantel im Camo-Print für deinen Vierbeiner.

Apple und Design Miami starten neue Initiative für aufstrebende Designer:innen
Design

Apple und Design Miami starten neue Initiative für aufstrebende Designer:innen

Die ersten Gewinner:innen wurden soeben in Paris vorgestellt.


ERL Vamp Boots: Skulpturale Formen neu gedacht
Schuhe

ERL Vamp Boots: Skulpturale Formen neu gedacht

Kommen diese Woche.

Berry Bros. & Rudd bringt japanischen Single-Malt-Whisky heraus – nur 300 Flaschen in Großbritannien
Uncategorized

Berry Bros. & Rudd bringt japanischen Single-Malt-Whisky heraus – nur 300 Flaschen in Großbritannien

Ein mutiger Schritt für japanischen Whisky – Shindo Experimental 01 markiert die erste Abfüllung der Shindo Distillery.

Girard-Perregaux Laureato FIFTY feiert 50 Jahre integrierter Eleganz
Uhren

Girard-Perregaux Laureato FIFTY feiert 50 Jahre integrierter Eleganz

Die auf 200 Stück limitierte Edition zollt dem Original von 1975 Tribut und trägt das brandneue Kaliber GP4800 der Manufaktur.

Mizuno x nonnative: WAVE MUJIN TL MID GTX „Black“ feiert Comeback
Schuhe

Mizuno x nonnative: WAVE MUJIN TL MID GTX „Black“ feiert Comeback

Ein tonales Wildleder-Upper und das Mid-Cut-Boot-Design vereinen Outdoor-Performance mit urbanem Style.

417 by EDIFICE x nanamica: Special-Release der GORE-TEX Short Down Jacket
Mode

417 by EDIFICE x nanamica: Special-Release der GORE-TEX Short Down Jacket

Maximal vielseitig: perfekt für die City und für Outdoor-Abenteuer.

My Hero Academia: Netflix-Realverfilmung geht voran – Original-Schöpfer Kōhei Horikoshi ist beteiligt
Filme & TV

My Hero Academia: Netflix-Realverfilmung geht voran – Original-Schöpfer Kōhei Horikoshi ist beteiligt

Die enge Zusammenarbeit von Kōhei Horikoshi unterstreicht den Anspruch, den emotionalen und thematischen Kern der Serie zu bewahren.

More ▾