Taemin über Grausamkeit in der Schönheit auf „PHASE 1: Soft Violence“
Der feste Bestandteil von SHINee erzählt, wie die Höhen und Verletzungen seiner Karriere das Fundament für die Grenze wurden, die er jetzt überschreiten will.
Taemin über Grausamkeit in der Schönheit auf „PHASE 1: Soft Violence“
Der feste Bestandteil von SHINee erzählt, wie die Höhen und Verletzungen seiner Karriere das Fundament für die Grenze wurden, die er jetzt überschreiten will.
Seit fast 20 Jahren zeigt Taemin, dass ein Popstar auch verstören kann – mit PHASE 1: Soft Violence liefert er dafür sein bislang deutlichstes Argument. Das Album eröffnet mit einem Zuckerwürfel, der von Ameisen auseinandergezogen wird: ein Bild, das zugleich süß und düster wirkt. Danach füllt er die Platte mit Schleim, Ton und Löchern, die durch Wände gerissen wurden. Nichts davon ist bloße Dekoration. Jedes Objekt steht für eine Version seiner selbst, die er durchlebt und bewahrt hat.
Der Titel fasst die gesamte These in zwei Worten zusammen: Als feste Größe bei SHINee und SuperM versteht er Anmut und Verletzung nicht als Gegensätze, sondern als dasselbe Material – daher auch die „Gewalt“ im Ausdruck. „Ich glaube, dass Schönheit Grausamkeit in sich trägt, und in gewisser Weise kann das auch eine Form von Gewalt sein“, sagt er. Dieselbe Logik legt er an seine eigene Geschichte an und weigert sich, sie in Erfolge und Verletzungen aufzuteilen. In seiner Erzählung haben die schwierigen wie die glücklichen Phasen dasselbe Fundament genährt; die Verletzungen, die auf dem Album immer wieder auftauchen, stehen eigentlich für die vielen Taemins, aus denen derjenige entstanden ist, der heute spricht.
Wenn das Album eine Bestandsaufnahme der Vergangenheit ist, steht die Tour im Präsens. Er nannte sie „LiMiNaL“ nach dem Schwellenzustand – jener aufgeladenen Pause, bevor sich tatsächlich etwas verändert. Offen sagt er, dass diese Wahl ebenso eine Botschaft an ihn selbst wie ein Konzept für sein Publikum war. „‚LiMiNaL‘ bezeichnet eine Grenze oder den Zustand, an einer Schwelle zu stehen. Ich habe für diese Tour den Titel ‚LiMiNaL‘ gewählt, weil ich über die Art hinausgehen wollte, wie ich bislang gearbeitet habe“, erklärt er. Er beschreibt diese Ära als Tür, in deren Rahmen er gerade steht, während das nächste Kapitel auf der anderen Seite wartet. „In gewisser Weise steht ‚LiMiNaL‘ für den Menschen, der ich gerade bin und der an dieser Schwelle steht. Und mit dem folgenden ‚PHASE 2‘ möchte ich eine Version meiner selbst zeigen, die diese Grenze überschritten und einen weiteren Schritt nach vorn gemacht hat.“
Viel von diesem Elan lässt sich auf ein Feld in der kalifornischen Wüste zurückführen. Taemin trat bei Coachella auf – angekündigt als erster koreanischer männlicher Solokünstler überhaupt – und die Größe dieses Moments hat sich ihm offenbar dauerhaft eingeprägt. „Mir wurde auch klar: Da draußen gibt es einen viel größeren Markt und eine viel größere Welt“, sagt er. Besonders blieb ihm, wie das Publikum die Bühne für sich nutzte: Es bewegte sich und sang gemeinsam, statt eine Performance bloß zu verfolgen. Das veränderte still und leise seinen Blick auf seinen Beruf. „Früher habe ich Musik meist vor allem mit Blick auf die Performance selbst angegangen. Heute denke ich stärker darüber nach, wie sich die Musik aus Sicht des Publikums anfühlen könnte.“
Für jemanden, der schon so lange im Geschäft ist, wiegt eine solche Erkenntnis umso schwerer. Nach beinahe zwei Jahrzehnten hat Taemin eine Methode, die funktioniert – und genau daran will er nun rütteln. „Statt also weiterhin zu wiederholen, was ich all die Jahre gemacht habe, möchte ich versuchen, an Alben auf eine etwas andere Weise zu arbeiten“, sagt er. Diesen Impuls überträgt er auch auf sein Schreiben, Produzieren und die visuelle Welt, die er um eine Veröffentlichung herum entwickelt. Zugleich achtet er darauf, dies nicht als Neuerfindung zu verkaufen. „Die Grenze, die ich jetzt überschreiten möchte, bedeutet für mich nicht, all das aufzugeben, was ich bis hierhin gut gemacht habe. Es geht darum, diese Erfahrungen als Fundament zu nutzen und mir gleichzeitig zu erlauben, neue Arbeitsweisen zu erkunden.“
Bei einem Künstler, der bereits so weit in seiner Karriere ist, könnte all das Reden von Schwellen schnell zu bloßem Branding erstarren. Taemin lässt es eher wie eine Haltung klingen: eine Art, voranzugehen, ohne loszulassen, was ihn hierhergebracht hat. PHASE 1: Soft Violence formuliert die Bedingungen. Bei PHASE 2, verspricht er, wird er hindurchgehen.



















