Zum Gedenken an Lucien Smith, den Förderer junger Künstler:innen
Als prägende Kraft der New Yorker Downtown-Szene machte Smith seine eigene Laufbahn zur Plattform für junge Künstler:innen, die Erfolg jenseits eines marktgetriebenen Kunstbetriebs neu denken.
Zum Gedenken an Lucien Smith, den Förderer junger Künstler:innen
Als prägende Kraft der New Yorker Downtown-Szene machte Smith seine eigene Laufbahn zur Plattform für junge Künstler:innen, die Erfolg jenseits eines marktgetriebenen Kunstbetriebs neu denken.
„Ein solcher Prozess ist ein Geschenk“, sagte Lucien Smith über seine Ausstellung Delay of Game. Die Installation umfasst vier neue „Rain Paintings“ – jene Serie, mit der er 2012 erstmals große Aufmerksamkeit erlangte. „Ich habe zugelassen, dass der Markt und Kritik von außen meine Arbeit bestimmen, und das war ein Fehler. Das Leben hat mich wieder an meinen Ausgangspunkt geführt. Ich glaube, es ist Zeit, zu dem Prozess zurückzukehren, der mir gegeben wurde.“
Lucien Smith, ein Künstler der Gegenwart, der die Grenzen der Malerei und des Kunstbetriebs verschob, ist im Alter von 37 Jahren gestorben. Er hinterlässt ein Vermächtnis kompromissloser Neuentdeckung. Von bildender Kunst über Film bis hin zur Gastronomie war Smith eine unverwechselbare Präsenz in der Downtown-Szene. Seit sein Tod bestätigt wurde, teilen prägende Stimmen aus Kunst, Mode und Musik im Netz Geschichten darüber, wie Smith nicht nur ein wichtiger Teil des Gefüges von New York City war, sondern einer seiner Architekten.
Ein sensationell ausgeschlachteter Aufstieg und Fall hätte das naheliegende Ende der Karriere eines Künstlers Anfang 20 sein können. Für Smith aber war es ein Anfang. Das vergangene Jahrzehnt nutzte er, um seine eigene Geschichte in eine Plattform für junge Künstler:innen zu verwandeln – und erfand dabei sowohl seine Praxis als auch die Regeln des Kunstbetriebs neu.
Smith wurde 1989 in Los Angeles geboren und trat nach seinem Abschluss an der Cooper Union 2011 auf den Plan. Seine gemeinsame Abschlussausstellung Imagined Nostalgia machte seine heute ikonischen „Rain Paintings“ bekannt: Arbeiten, für die er mit Farbe gefüllte Feuerlöscher auf Leinwände sprühte und damit eine neue Vorliebe für Abstraktion der Mitte des 20. Jahrhunderts auslöste. Die Sammler:innen kamen in Scharen.
Sein Werk „Hobbes, The Rain Man, and My Friend Barney / Under the Sycamore Tree“ erzielte 2014 auf dem Sekundärmarkt bei einer Auktion 389.000 US-Dollar – das 38-Fache des ursprünglichen Preises. Doch kurz darauf zeigte der Kunstmarkt der frühen 2010er-Jahre seine Zähne. Smith wurde zum Aushängeschild für die Trends dieser Ära – und für die Welle der Kritik, die sie begleitete. Er verließ die Stadt abrupt, um fernab vom Marktdruck nach seiner eigenen Stimme zu suchen. „Überall, wo ich hinsah, ging es in der Kunst um Geld. Das war beängstigend“, sagte er. „Ich wurde so schnell in die Rolle des Künstlers gedrängt, dass ich keine Gelegenheit hatte, mir anzusehen, was ich da eigentlich machte oder was ich mir für die Zukunft wünschte.“
Statt sich auf das Spiel kommerzieller Galerien einzulassen, trat Smith einen Schritt zurück. 2015 beendete er die direkte Zusammenarbeit mit Galerien und zog sich in ein Landhaus in Montauk zurück, um neu anzufangen. Dort begann ein neues Kapitel seiner Praxis: Er half jungen Künstler:innen, ebenfalls ihren Platz zu finden. Ein Jahr später gründete er Serving the People (STP), eine Non-Profit-Organisation, die Chancen, Gemeinschaft und Experimentierfreude fördert und jungen Talenten als lokales Zentrum dient. STP veranstaltet regelmäßig Workshops und Treffen und hat sich inzwischen zu einem globalen Kreativnetzwerk entwickelt, zu dem unter anderem Tremaine Emory, Heron Preston und Virgil Abloh zählen; Abloh zeigte 2018 gemeinsam mit dem Künstler eine Ausstellung. Bei der ersten Ausstellung von STP, Fear Eats the Soil, präsentierte Smith zudem auf der Frieze LA 2020 eine Werkgruppe zum Thema Eskapismus.
„Ich fühle mich wieder wie ein aufstrebender Künstler“, sagte Smith 2020 bei einem Atelierbesuch vor der Ausstellung in Los Angeles zu Hypebeast. „Wenn man über Kunst nachdenkt, geht es darum, etwas aus sich selbst heraus schaffen zu können.“
Obwohl Smith die Schwachstellen des Systems kritisch und offen benannte, war er nie vollständig „gegen den Kunstmarkt und das Galeriesystem“. Er stellte weiterhin gelegentlich aus und erschloss sich neue technische Felder jenseits klassischer Malerei und Skulptur. Zu seinen jüngsten Ausstellungen zählten etwa Burn Down the House und People Are Strange mit Airbrush-Arbeiten, die mithilfe eines Roboterarms entstanden. Beide Ausstellungen kreisten um scharfsinnige Reflexionen über seine eigene Karriere und die gesellschaftliche Obsession mit Prominenz.
Im vergangenen Jahr suchte Smith nach einer neuen Möglichkeit, seine Community zu unterstützen: indem er sie bewirtete. 2025 belebte er FOOD wieder, das legendäre, von Künstler:innen geführte Restaurant. An der Ecke Canal und Eldridge übernahm er die Rolle des Gastronomen. Ob er draußen vor dem Lokal mit Freund:innen plauderte oder hinter dem Tresen geschäftig arbeitete – Smith führte die ursprüngliche Vision seiner Gründer:innen, der Künstler:innen Carol Goodden, Tina Girouard und Gordon Matta-Clark, fort: einen Treffpunkt, an dem Künstler:innen bei, nun ja, Essen zusammenkommen konnten. Wie auf Instagram mitgeteilt wurde, bleibt das Restaurant bis auf Weiteres geschlossen; am 8. September fand jedoch ein Gedenkdinner statt.
View this post on Instagram
Gastronomie war für Smith zwar Neuland, doch FOOD passte letztlich perfekt zu ihm. „Es ist wichtig, dass die Mitarbeitenden das Gefühl haben, sie seien das eigentliche Herzstück des Restaurants – denn ohne sie funktioniert der Betrieb nicht“, sagte Smith bei einem Mittagsservice im vergangenen Winter und griff damit das Ethos auf, das er mit STP etabliert hatte. Hier verband sich alles, wofür er bekannt geworden war: junge Künstler:innen zu fördern – ob in der bildenden Kunst oder der Kulinarik –, sie zusammenzubringen und vor allem nach seinen eigenen Regeln zu handeln.
Kurz vor seinem Tod kehrte Smith zu den Rain Paintings zurück, den Arbeiten, mit denen alles begann. Auf einem verlassenen Baseballfeld in Camp Hero in Montauk besprühte er vergangenen Monat vier riesige Leinwände mit Airbrushfarbe – für Delay of Game, eine Ausstellung, die am 12. September in der Tripoli Gallery eröffnet werden soll. In Erinnerung an seine frühen Arbeiten lässt uns ein Artsy-Interview aus dem Jahr 2013 mit dem einflussreichen Kunsthändler Alberto Mugrabi nicht los. Auf die Frage, warum der Künstler als Nächstes durchstarten werde, erklärte Mugrabi: „Ich werde Lucien Smith im Blick behalten, denn er bringt mir Sonnenschein in den Regen.“



















