Science SARUs „THE GHOST IN THE SHELL“-Anime kehrt zu den Wurzeln des Franchise zurück
Regisseur Mokochan erklärt, warum eine werkgetreue Adaption der Serialisierung von 1989 der perfekte moderne Neustart für neue wie langjährige Fans ist.
Science SARUs „THE GHOST IN THE SHELL“-Anime kehrt zu den Wurzeln des Franchise zurück
Regisseur Mokochan erklärt, warum eine werkgetreue Adaption der Serialisierung von 1989 der perfekte moderne Neustart für neue wie langjährige Fans ist.
Eine ikonische Cyberpunk-IP mit enormer globaler kultureller Strahlkraft zu adaptieren, verlangt nach einem Studio, das keine Angst davor hat, mit allen Regeln zu brechen – und genau deshalb ergibt es absolut Sinn, dass Science SARU sich an Ghost in the Shell wagt. Bevor das breite Anime-Publikum mit der Anime-Premiere 2024 von DAN DA DAN das Studio so richtig auf dem Schirm hatte, verfügte es längst über eine treue, beinahe kultische Anhängerschaft unter Cinephilen.
2013 vom exzentrischen Visionär Masaaki Yuasa gemeinsam mit Eunyoung Choi mitbegründet, entwickelte das Studio eine ganz eigene Ästhetik: eklektisch, expressiv, mutig und bewusst „locker“ im Strich. In einer Phase, in der hochpolierte, sterile Digital-Optiken zum Branchenstandard wurden, blieb Science SARU unbeirrbar experimentell – eine rebellische kreative Linie, die vom wilden Ritt, der Space Dandy ist, über den versponnen-künstlerischen Fiebertraum The Night Is Short, Walk On Girl bis hin zur gefeierten, zutiefst eindringlichen Düsternis von Devilman Crybaby.
Jetzt wendet das Studio seine unverwechselbare Handschrift auf eines der weltweit meistverehrten Franchises der Anime-Geschichte an. Nach Jahrzehnten ikonischer Film- und Serienadaptionen – allen voran Mamoru Oshii legendärem, düster-zergrübelten Kinofilm aus dem Jahr 1995 und Stand Alone Complex – erfährt das Franchise nun eine radikale tonale Neujustierung. Gerade weltweit gestartet, löst sich die neue TV-Anime-Adaption mutig vom stoischen Grundton ihrer Vorgänger. Stattdessen inszeniert die Serie eine lebendige, direkte Adaption, die den exakten Geist, die subtilen humorvollen Untertöne und das hochdynamische Tempo von Masamune Shirows ursprünglichem Manga von 1989 einfängt.
Unter der Regie von Mokochan und den Produzenten Kengo Abe von Bandai Namco sowie Kohei Sakita von Science SARU holt das Projekt zudem den gefeierten Sci-Fi-Autor EnJoe Toh für das Charakterdesign an Bord. Darüber hinaus ist der Anime gespickt mit überraschenden, hochkarätigen Kollaborationen – Hajime Sorayama entwarf das metallisch glänzende Chrom-Titellogo, King Gnu steuern den Opening-Song bei, während MILLENNIUM PARADE eine zweijährige Pause beendet, um einen gemeinsamen Track mit Saya Gray und Daniel Caesar zu liefern.
Kurz vor der Anime-Premiere sprach Hypebeast mit Mokochan von Science SARU über seine Herangehensweise an den neuen GHOST IN THE SHELL-Anime.
Ghost in der Shell hat weltweit einen enormen kulturellen Fußabdruck hinterlassen. Als sich für Science SARU zum ersten Mal die Chance bot – was hat das Studio dazu bewogen, sich auf ein so legendäres Erbe einzulassen?
Mokochan: Ich bin Ghost in the Shell zum ersten Mal in der Oberstufe begegnet – ich habe zufällig Masamune Shirows Manga gelesen und fast zeitgleich Mamoru Oshiis Kinofilm aus dem Jahr 1995 gesehen. Seitdem bin ich ein riesiger Fan des Franchises. Als das Angebot dann bei uns landete, war ich entsprechend völlig aus dem Häuschen.
Was waren Ihre ersten Gedanken und Gefühle, als Sie erfuhren, dass Sie an diesem Projekt arbeiten würden?
Abgesehen von der ersten Euphorie habe ich sofort eine enorme Verantwortung und einen starken Druck gespürt. Dieses Projekt ist eine extrem seltene Gelegenheit, den Original-Manga direkt in eine Anime-Serie zu übertragen – und mir war sehr bewusst, welche gewaltigen Erwartungen die Fanbase an uns richtet.
Frühere Adaptionen – etwa der Film von 1995 oder Stand Alone Complex – werden von der Community für ihre sehr düstere und ernste Tonalität verehrt. Die neue Adaption scheint sich jedoch stärker an der Stimmung des ursprünglichen 1989er-Mangas von Masamune Shirow zu orientieren. Können Sie mehr über diesen Wechsel in der Tonalität erzählen?
Als Kreative, die in der heutigen Anime-Industrie arbeiten, sind wir natürlich zutiefst von den monumentalen Adaptionen geprägt und geistig beeinflusst, die vor uns entstanden sind. Die Kernphilosophie dieses speziellen Projekts war jedoch, dem Original-Manga ganz direkt gegenüberzutreten. Es ging uns nicht nur darum, oberflächliche Settings oder Plotpunkte zu bewahren; entscheidend war, den eigentlichen Geist von Shirows ursprünglichen Seiten einzufangen.
Für ein Publikum, das Ghost in the Shell bisher nur durch diese düsteren, stoischen Bildschirmversionen kennengelernt hat, mag die hellere, dynamischere Energie zunächst durchaus ein kleiner Schock sein. Aber keine Sorge: Die Kernthemen haben sich überhaupt nicht verändert. Ich wünsche mir sehr, dass die Zuschauer sich darauf einlassen und gerade diese Kontraste genießen – und die ganz eigene Atmosphäre würdigen, die jede Ära des Franchises mit sich bringt.
„Für uns ging es nicht nur darum, die oberflächlichen Settings oder die Plotpoints zu bewahren; entscheidend war, den echten Geist von Shirows ursprünglichen Seiten einzufangen.“
Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Aspekt, der diese spezielle Adaption von ihren Vorgängern unterscheidet?
Im Vergleich zu früheren Anime-Versionen besitzt die Erzählung im Original-Manga eine deutlich ausgeprägtere Menschlichkeit – man spürt eine echte Wärme und einen greifbaren menschlichen Puls, der sich hindurchzieht. Zwar zeigt die Serie explizit Zukunftstechnologien und eine hochentwickelte Gesellschaft, doch ihr thematischer Kern bleibt an einer zeitlosen, klassischen Frage verankert: Wie entscheidet ein Individuum, in dieser Welt zu leben? Das ist eine existenzielle Frage, die Menschen tief berührt – unabhängig davon, in welcher Epoche sie leben.
Im Original-Manga ist Major Motoko Kusanagi deutlich impulsiver und ausdrucksstärker als die stoischen Versionen, die wir bisher auf dem Bildschirm gesehen haben. Wie sind Sie daran herangegangen, genau diese Energie in ihrer Animation sichtbar zu machen?
Ich glaube, die größte Kraft der Manga-Kunst liegt in ihrer Fähigkeit, einen lebendigen psychologischen Eindruck einzufangen. Da Motoko ein Full-Body-Cyborg ist, würde sich ihre Haut realistisch betrachtet härter anfühlen als die eines normalen Menschen, und ihre Körpertemperatur wäre vermutlich vollkommen kühl. Aber als Animatoren wollten wir genau dieses kalte, mechanische Äußere nicht betonen. Stattdessen wollten wir ihr Inneres, ihre Persönlichkeit direkt auf die Leinwand projizieren. Um diese Ästhetik zu erreichen, waren visuelle „Deformationen“ und starke Überzeichnungen absolut essenziell für unsere Gestaltungssprache.
Masamune Shirows originale Mangaseiten sind berüchtigt dafür, vor technischen Konzepten, Ideen und Autorenkommentaren nur so überzuquellen. Wie sind Sie daran herangegangen, diese hyperdichte Energie in Animation zu übersetzen?
Genau das ist tatsächlich eines der Dinge, die wir am Original-Manga am meisten lieben. Diese vielschichtige, informationsreiche Atmosphäre zu bewahren, ohne sie in der Übertragung zu verwässern, war eine der größten kreativen Hürden der gesamten Produktion. Wir mussten in allen Departments massiv experimentieren und kreativ Lösungen finden – von liebevoll detaillierten Farbpaletten und Background-Layouts über Schnitt-Rhythmen und Sounddesign bis hin zu den Sprechleistungen selbst.
Science SARU ist weithin bekannt für einen sehr flüssigen, expressiven Animationsstil. Gab es besondere Herausforderungen, die Cyberpunk-Welt von Ghost in the Shell zum Leben zu erwecken?
Eines der zentralsten übergeordneten Themen des Ausgangsmaterials ist das Mysterium des Lebens an sich. Für mich ruft traditionelle, handgezeichnete Animation als Kunstform genau dieses Gefühl von Staunen hervor. Ein handgezeichneter Frame ist mehr als nur ein Bild; er ist eine physische Spur des Körpers der Animator:innen auf dem Papier. Gerade deshalb war es uns unglaublich wichtig, diese Geschichte explizit durch menschliche Hände entstehen zu lassen. Wir haben enorme Energie und Sorgfalt in diese handwerkliche Umsetzung gesteckt, weil sie die Kernthemen von Ghost in the Shells Philosophie spiegelt.
„Für mich ist dieses Projekt eine bewusst gesetzte ‚Rückkehr zu den Ursprüngen‘ – ein Reset, der nur möglich ist, weil wir genau in dieser heutigen Zeit leben.“
Ohne zu viel zu verraten: Welche Szene oder welches Element aus den frühen Episoden begeistert Sie persönlich am meisten?
Die Szene, in der Daisuke Aramaki und Motoko Kusanagi zum ersten Mal aufeinandertreffen, ist etwas, in das wir als Kreativteam wirklich unsere ganze Seele gesteckt haben. Die gesamte Serie entzündet sich im Grunde in genau diesem Moment, in dem ihre Welten kollidieren, und die übergreifende Erzählung ist eine Studie darüber, wie sich ihre Beziehung von da an entwickelt. Es ist ein fundamentaler Abschnitt, den wir mit enormer Sorgfalt behandelt haben.
Welche Art von Erlebnis können neue wie langjährige Fans vom neuen Ghost in the Shell-Anime erwarten?
Unsere grundlegende Mission war es, den 1989 erschienenen, fortlaufenden Manga so treu wie möglich in ein zeitgenössisches Anime-Format zu übertragen. Die mehr als 30 Jahre, die seit seiner Erstveröffentlichung vergangen sind, empfinden wir dabei als etwas enorm Bedeutsames. In diesem Sinn sehe ich das Projekt als bewusst geplante „Rückkehr zu den Ursprüngen“ – einen Reset, der nur möglich ist, weil wir genau in der Gegenwart leben.
Für langjährige Fans des Franchises wird es, glaube ich, besonders erfüllend sein, diese rohe, bislang unangetastete Seite des Ausgangsmaterials zu entdecken. Gleichzeitig ist es für Neulinge, die dieses Universum zum ersten Mal betreten, durch diesen klaren Reset ein idealer Einstiegspunkt – da das sichtbare Worldbuilding und die Story nicht an frühere Adaptionen gebunden sind, lässt sich diese Welt sehr leicht neu erschließen.



















