Warum du das Werk von Andrea Branzi jetzt unbedingt kennen musst
Wir beleuchten das Vermächtnis des italienischen Designers – und erklären, warum seine Arbeiten heute mehr denn je nachhallen.
In Mailand stand Andrea Branzi dieses Jahr im Mittelpunkt von zwei großen Ausstellungen. Eine fand im Triennale-Museum der Stadt statt, die andere präsentierte seine monumentalen Lichtskulpturen in einem intimeren Galerierahmen.
Seit der italienische Architekt und Designer 2023 verstorben ist, scheint die Branche insgesamt über seinen Einfluss nachzudenken. „Er hatte keine Angst, seine Meinung im Laufe seiner Karriere zu ändern“, sagt Deyan Sudjic, der Kurator hinter der Ausstellung „Objects That Speak, a Conversation Continued with Andrea Branzi“. „Er konnte ebenso souverän im industriellen Kontext arbeiten wie in der Welt der Mode.“
Und obwohl Branzi in den 1930er-Jahren geboren wurde, ist genau diese Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten, heute aktueller denn je. Designwochen werden längst nicht mehr nur von Möbelpremieren bestimmt, sondern sind zu einem Schmelztiegel von Disziplinen geworden, die Design als Medium der Kommunikation einsetzen.
Genau deshalb hat Rosewood, der Organisator der Ausstellung, beschlossen, in diesem kulturellen Moment Präsenz zu zeigen. „Lokale Kultur und Geschichte sind der Herzschlag unseres Designprozesses“, sagt Trish Luyckx, Chief Design Officer bei Rosewood. „Sie leiten uns bei jeder Entscheidung – von den Materialien, die wir auswählen, bis hin zu den Erzählungen, die wir in einen Raum einweben.“
Als Hommage an Branzis Fähigkeit, mit Genres zu spielen, stellte die Schau seine Arbeiten zeitgenössischen Künstler:innen und Designer:innen zur Seite.
Im dunkel getönten Raum schwebten 15 seiner kuppelförmigen Leuchten über dem Boden, jede mit einem eigenen Muster und einer eigenen Textur, die durch die Lichtquelle im Inneren sichtbar wurden. Sie stehen für eine künstlerischere Form von Design, die laut Sudjic typisch für sein Werk ist. „Branzi ging über die konventionelle Vorstellung von Design als rein funktional hinaus; für ihn ging es ebenso sehr darum, Fragen zu stellen, wie darum, Antworten zu geben“, fügt er hinzu. „Er konnte erforschen, wie wir arbeiten und leben – und welche emotionale Beziehung wir zu unseren Besitztümern haben.“
Unterdessen zeigt die Triennale mit „Andrea Branzi by Toyo Ito. Continuous Present“ sein Werk durch die Linse des japanischen Architekten.
Mit über 400 Arbeiten ist die Ausstellung nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert – eine Verneigung vor Branzi als Denker und Theoretiker.
„Die Epoche, in der Andrea Branzi lebte, war das goldene Zeitalter des italienischen Designs. Es war eine Zeit, in der Stararchitekten und -designer wie Marco Zanuso, Ettore Sottsass, Vico Magistretti, Gae Aulenti, Alessandro Mendini und Achille Castiglioni auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen“, sagt Ito.
„In dieser Konstellation war Andrea als Einziger eher Denker als Architekt oder Designer“, fährt er fort. „Ich glaube, er empfand die Praxis, reale Gebäude oder Möbel zu entwerfen, als nichts weiter als einen eitlen Versuch. Deshalb hat er sich in seinem ganzen Leben nie auf ein Designprojekt um des Designs willen eingelassen.“
In einer Zeit, in der sich alles flüchtig anfühlt und Kreativität oft nur noch für den Algorithmus zu existieren scheint, eröffnet Branzis Denkweise jungen Designer:innen vielleicht eine andere Art zu arbeiten. Und nicht nur ihnen: Sie könnte auch Designfans dazu inspirieren, über die bloße Ästhetik eines Objekts hinauszuschauen und sich wegen der Methode oder der Botschaft dahinter damit zu beschäftigen.
Zumindest ist es das, was Sudjic daran so wichtig findet – und weshalb er meint, dass wir alle Branzi kennen sollten.
„Branzi bewahrte sich eine tiefe Neugier und einen Widerstand dagegen, überliefertes Wissen einfach hinzunehmen – Eigenschaften, die bis heute stark bei neuen Generationen nachhallen“, sagt er.
„Objects That Speak“ fand während der Milan Design Week statt, während „Andrea Branzi by Toyo Ito. Continuous Present“ noch bis zum 4. Oktober zu sehen ist.



















