Kuala Lumpur nahm seinen Anfang am Medan Pasar, dem alten Marktplatz, an dem die Flüsse Gombak und Klang zusammenfließen. An seinem westlichen Rand stehen sechs Art-déco-Geschäftshäuser aus den 1930er Jahren. Sie beherbergten traditionelle Händler, bevor in den 1960er Jahren Banken und Finanzinstitute einzogen. Am 1. November öffnen sie ihre Türen erneut als Muara Arts – eine rund 1.850 Quadratmeter große, gemeinnützige Galerie für moderne und zeitgenössische Kunst aus Malaysia und Südostasien und die erste Institution dieser Art im Land.
Das Projekt geht auf Shanthi Kandiah und Brahmal Vasudevan zurück, die Gründer der Creador Foundation; die restaurierten Gebäude wurden von Dr. Tan LM und Sean Carpenter von Linear Vista entworfen. Muara ist das malaiische Wort für Flussmündung, und die Gründer verdanken den Namen „dem verstorbenen Valentine Willie, der uns beratend zur Seite stand und seine gesamte Karriere darauf verwendete, Künstler aus ganz Südostasien miteinander zu vernetzen und ihre Werke Seite an Seite auszustellen“. Die Gemeinnützigkeit beizubehalten, sei zentral für ihre Vision, erklären sie, denn das „bedeutet, dass die Galerie für die Künstler und die Öffentlichkeit da ist und nicht für den Markt“.
Für das Programm zeichnet Lydia Yee verantwortlich. Sie ist beratende künstlerische Leiterin von Muara und ehemalige Chefkuratorin der Londoner Whitechapel Gallery; ihre drei Jahrzehnte umfassende Karriere führte sie zudem durch die Barbican Art Gallery und das Bronx Museum of the Arts. Einige der Künstler, die sie nun in Kuala Lumpur präsentiert, sind alte Bekannte. „Meine Beziehung zu manchen dieser Künstler reicht tatsächlich bis in die 1990er Jahre zurück“, erzählt sie. „Pacita Abad stellte im Bronx Museum of the Arts aus, und ich half dabei, ihr Werk für die Sammlung des Museums anzukaufen. Ich kenne Paul Pfeiffer durch das Künstlerkollektiv Godzilla und das Whitney Independent Study Program in New York.“ Neben diesen Verbindungen war es ihr ein Anliegen, „die für das Ausstellungsmachen nötigen Abläufe und Richtlinien zu etablieren, dabei jedoch eine starre institutionelle Mentalität hinter sich zu lassen.“
Abad und Pfeiffer sind beide in der Eröffnungsausstellung von Muara, „A–Z of Southeast Asian Art: A Critical Dictionary“, vertreten, die von Yee und Zhen Feng Ang co-kuratiert wurde. Anstatt einer konventionellen regionalen Bestandsaufnahme orientiert sich die Schau an dem Projekt „The Critical Dictionary of Southeast Asia“ (seit 2017) des singapurischen Künstlers Ho Tzu Nyen. Dabei werden jedem Buchstaben des Alphabets ein bis drei Werke zugeordnet – von Malerei über Skulptur, Textilien, Installationen und Video bis hin zu Papierarbeiten von über 40 Künstlern aus elf Ländern. Den Auftakt macht A wie Animismus mit einer Mixed-Media-Installation von Zarina Muhammad, C wie Corruption bringt eine neue skulpturale Arbeit von Pio Abad und Frances Wadsworth Jones, und Z wie Zoomorphismus bildet den Abschluss mit Pfeiffers Live Evil (Kuala Lumpur). Yee beschreibt es unter anderem als „ein kuratorisches Experiment, das einen algorithmischen Satz an Parametern nutzt, um eine Ausstellung zu generieren“.
Die Gründer möchten, dass der Raum für Menschen, die noch nie einen Fuß in eine Galerie für zeitgenössische Kunst gesetzt haben, gleichermaßen funktioniert. Sie stellen sich Besucher vor, die „vielleicht in der Mittagspause hereinschauen, an einer Führung oder einem öffentlichen Vortrag teilnehmen oder am Wochenende ihre Kinder mitbringen“. Dazu haben sie einen Entdecker-Guide für Familien entwickelt, der auf drei Impulsen basiert (Schauen, Wundern und Vorstellen) und damit endet, dass die Kinder ihren eigenen Wörterbucheintrag verfassen. „Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten“, betonen sie. „Es geht darum, zur Ruhe zu kommen, genau hinzusehen und die eigenen Gedanken zu teilen – und genau diesen Geist wünschen wir uns für die gesamte Galerie.“
Die Galerie ist jedoch nur das erste Kapitel. Für 2029 ist das Muara Arts Theatre geplant. Damit wird Muara die erste Einrichtung in Malaysia sein, die eine Galerie und ein Theater unter einem Dach vereint. Am 16. Dezember übernimmt Chris Lee, der ein Jahrzehnt lang in der Führungsebene der National Gallery Singapore tätig war, als CEO die Leitung von Medan Pasar Realty und Muara Arts. Im Vorfeld der Eröffnung sprach Yee mit Hypebeast darüber, wie sich das Wörterbuchformat in der Praxis bewährt hat und warum so viele Künstler der Schau außerhalb ihrer Herkunftsländer leben.
Sie haben „A–Z of Southeast Asian Art: A Critical Dictionary“ als kuratorisches Experiment beschrieben, das mit algorithmischen Parametern arbeitet und sich die alphabetische Struktur, die Begriffe sowie die Strategien von Alliteration und Wiederholung aus Ho Tzu Nyens „The Critical Dictionary of Southeast Asia“ zu eigen macht. Welche neuen Perspektiven hat die Arbeit mit diesen Vorgaben Ihnen und Ihrem Co-Kurator Zhen Feng Ang eröffnet, und gab es Buchstaben oder Begriffe, deren Besetzung sich als besonders schwierig oder überraschend erwies?
Wir begannen mit einer Liste von Begriffen aus Ho Tzu Nyens Wörterbuch sowie einer Übersicht von Künstlern und Kunstwerken aus der gesamten Region, bei deren Zusammenstellung uns eine Gruppe von Forschern und Autoren unterstützt hat. Mein Co-Kurator Zhen Feng Ang und ich standen vor der Aufgabe, diese Puzzleteile kreativ zusammenzufügen – Kunstwerke passenden Begriffen zuzuordnen und uns mit den Künstlern auszutauschen, um zu sehen, ob sie unserer Lesart ihrer Werke zustimmen würden. Die spezifischeren Begriffe wie Lai Tek oder Theodolit waren dabei eine besondere Herausforderung. In diesen Fällen wählten wir entweder ein anderes Wort für den jeweiligen Buchstaben oder entschieden uns, ein alternatives Verständnis des Begriffs in den Fokus zu rücken. Im Großen und Ganzen ist das Wörterbuch von Ho Tzu Nyen jedoch generativ, offen angelegt und bietet für jeden Buchstaben mehrere Begriffe, sodass ich die Arbeit innerhalb dieser Parameter nicht als Einschränkung bezeichnen würde.
Die Ausstellung hinterfragt die Vorstellung des Wörterbuchs als definitives Nachschlagewerk und stellt Hos Projekt an die Seite von Werken wie Wong Hoy Cheongs „The Definitive ABCs of Government“ und „The Definitive ABCs of Ethnography“ (beide 1999). Wie präsentieren Sie bei mehr als 40 Künstlern aus elf Ländern – darunter Brunei und Timor-Leste – eine derart vielfältige Region, ohne sie auf ein einziges Narrativ zu reduzieren?
Zunächst zogen wir in Erwägung, mehrere verschiedene Wörterbücher als Begriffsfundus für unsere Ausstellung zu nutzen. Es gibt durchaus Überschneidungen – so taucht der Begriff „Barbar“ beispielsweise sowohl bei Wong Hoy Cheong als auch bei Ho Tzu Nyen auf –, doch die Intentionen und Bedeutungen dahinter sind völlig verschieden. Zugunsten der Kohärenz haben wir uns letztlich entschieden, den Fokus auf Ho Tzu Nyens Wörterbuch zu legen. Zudem wurde es als System konzipiert, das neue Bedeutungen sowie Verknüpfungen zwischen Wörtern und Ideen generiert. Dies ermöglichte es uns, Querverbindungen innerhalb Südostasiens zu erforschen und gleichzeitig der Vielfalt und Komplexität der Region gerecht zu werden.
Sie haben von der Galerie als einem Ort gesprochen, an den Künstler aus der gesamten Region – einschließlich jener aus der Diaspora – „zurückkehren“ können. Das Line-up umfasst Künstler wie Pio Abad, Pacita Abad, Paul Pfeiffer und Carlos Villa, neben vielen, die heute vor Ort in Südostasien arbeiten. Warum war es Ihnen für die Eröffnungsausstellung so wichtig, Stimmen aus der Diaspora mit lokal ansässigen Künstlern in einen Dialog treten zu lassen?
Es war uns wichtig, diasporische Stimmen einzubinden, da wir in einem transnationalen Zeitalter leben. Fast ein Drittel der Künstler lebt aus unterschiedlichen Gründen nicht dauerhaft in ihren jeweiligen Herkunftsländern. Einige sind vor Kriegen und anderen Konflikten geflohen oder für ihr Studium, wirtschaftliche Chancen und persönliche Beziehungen ausgewandert – pflegen jedoch weiterhin enge Bindungen an ihre Heimat. Andere wiederum pendeln zwischen zwei Orten. Die diasporische Existenz spiegelt schlichtweg die Lebensrealitäten von heute wider.
„A–Z of Southeast Asian Art: A Critical Dictionary“ eröffnet am 1. November bei Muara Arts.
Muara Arts
Medan Pasar 18, Kuala Lumpur
Malaysia
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag, 10:00 bis 18:00 Uhr