Jana Frost über das Erschaffen neuer Welten mit Collage
Für Frost schlägt Collage eine Brücke zwischen Autorschaft und Ready-made – sie formt Bedeutungen neu, indem sie mit bereits existierenden Bildern arbeitet.
Jana Frosterschafft durch Collage, Animation und Szenenbild immersive, symbolisch aufgeladene Welten, die zwischen physischem und digitalem Raum oszillieren. Heute lebt sie nach Jahren des Umziehens in London, und ihre Praxis spiegelt dieses Gefühl von Bewegung und Vergänglichkeit wider. Sie studierte Bildende Kunst an der Tallinn University in Estland, doch ihre Ausbildung ist bis heute im Fluss – geprägt von kontinuierlicher Recherche zu Symbolik, Philosophie und Psychologie, die die vielschichtigen visuellen Erzählstränge in ihrer Arbeit prägen.
Ursprünglich in Keramik und Skulptur ausgebildet, entfernte sich Frost nach und nach von materialintensiven Arbeitsweisen, weil ihr häufiges Umziehen eine klassische Ateliersituation kaum aufrechterhalten ließ. Collage erwies sich sowohl als praktische Lösung als auch als konzeptionell stimmig. Grundprinzipien der Skulptur wie Komposition, Balance und erzählerische Wirkung ließen sich mühelos in Schnittpapier, Animation und schließlich raumgreifende Installationen übersetzen. Für Frost existiert Collage zwischen Autorschaft und Ready-made – sie montiert vorhandene Bildwelten neu und spiegelt so wider, wie Bedeutung in der zeitgenössischen visuellen Kultur ständig neu zusammengesetzt wird.
Wir haben mit Frost über ihren sich entwickelnden Arbeitsprozess, ihr Worldbuilding und die Projekte gesprochen, an denen sie aktuell arbeitet.
Wo lebst du derzeit, und wie hat dein Hintergrund deine Arbeit geprägt?
Ich lebe momentan in London, aber ich bin mein ganzes Leben lang immer wieder umgezogen. Es gibt ein paar Orte, die ich dankbar Heimat nenne, und diese Fluidität spiegelt sich ganz selbstverständlich darin wider, wie ich arbeite und warum Collage zu einem meiner wichtigsten Medien geworden ist. Mein Hintergrund liegt in der Bildenden Kunst, aber meine Praxis bewegte sich immer irgendwo zwischen klassischen Ansätzen und Experimenten. Mit der Zeit hat sich das zu Collage, Animation und lebensgroßen Installationen in physischen wie digitalen Formaten entwickelt. Meine Ausbildung hat sich nie abgeschlossen angefühlt. Laufende Recherche und kontinuierliches Lernen prägen bis heute, wie ich visuelle Erzählungen und vielschichtige Welten aufbaue.
Wie ist Collage zum Zentrum deiner Praxis geworden?
Mein formaler Hintergrund liegt in Keramik und Skulptur, die ich über längere Zeit praktiziert habe. Aber die Logistik des ständigen Umziehens – Materialtransport, Brennvorgänge und die Lagerung fertiger Arbeiten – machte diese Praxis auf Dauer schwer durchzuhalten. In dieser Phase war Collage deutlich leichter zugänglich, und ich bin sehr schnell ganz darin eingetaucht. Die Themen, die mich ohnehin interessierten – Komposition, Balance und visuelles Erzählen –, ließen sich ganz selbstverständlich übertragen und wurden durch die Collage sogar noch deutlicher.
Was fasziniert dich an Collage – sowohl im digitalen als auch im physischen Format?
Visuell ist bereits so viel vorhanden, und viele Künstler*innen arbeiten mit bestehenden Bildern, Ideen und Referenzen aus unterschiedlichen Epochen. Collage macht diesen Prozess sichtbar. Mich reizt, wie sie zwischen Ready-made und Autorschaft angesiedelt ist: Man nimmt etwas, das schon existiert, und lädt es mit einer völlig neuen Bedeutung auf. Ich habe keine strikte Präferenz zwischen digitaler und physischer Collage, aber mit der Zeit hat es mich stärker zur analogen Arbeit hingezogen. Digitale Räume sind überwältigend geworden, und das hat mich dazu gebracht, lebensgroße Installationen aus meinen Cut-outs zu bauen. Die Arbeit im realen Raum zu erleben, wirkt erdend – gerade im Kontrast zu einer Realität, die sich stark auf Bildschirme verlagert hat.
Wie haben Ausstellungen und Fashion-Editorials beeinflusst, wie deine Arbeit wahrgenommen wird?
Einige Momente stechen mehr hervor als andere. Von Campari ausgewählt zu werden, Arbeiten zum 100-jährigen Jubiläum des Negroni zu gestalten, war beruflich wichtig für mich – gerade angesichts ihrer starken visuellen Geschichte. Auf einer persönlicheren Ebene war es bedeutsam, meine Scherenschnitt-Animation im vergangenen Jahr erstmals im Galeriekontext zu zeigen. Dadurch konnte die Arbeit als eigenständiges Werk funktionieren und es entstand Raum, in dem Menschen sich einlassen, schauen und ins Gespräch kommen konnten.
Die Arbeit an Fashion-Editorials hat es meiner Praxis ermöglicht, außerhalb des Galerieraums stattzufinden. Fashion fungiert als zirkulierende Bilderkultur und erreicht ein Publikum, das Kunst im White-Cube vielleicht nie begegnen würde. Sets rund um meine Collagen zu bauen, hat mich gleichzeitig zu meinen skulpturalen Wurzeln zurückgeführt – ich konnte wieder in drei Dimensionen denken und mit Maßstab, Textur und Materialität experimentieren.
Woran arbeitest du gerade, und wohin entwickelt sich deine Praxis?
Aktuell entwickle ich eine Reihe kurzer Regiearbeiten, die auf 16mm innerhalb meiner lebensgroßen Collagen gedreht werden und diese Welten in bewegte, symbolische Erzählungen übersetzen. Außerdem arbeite ich an Scherenschnitt-Animationen, die Collage mit analogen Liquid-Light-Show-Techniken verbinden, die ich selbst entwickle. Parallel dazu plane ich mehrere Fashion-Kollaborationen mit Blick auf 2026. Film fühlt sich für mich wie eine natürliche Erweiterung meiner Praxis an, nicht wie ein Bruch.
Man kann meine Arbeit über Social Media verfolgen, und derzeit bin ich dabei, eine Website zu launchen, die als dauerhaftes Archiv meiner Projekte dienen wird.



















