YAO im Porträt: Das Genre-Crossover-Kollektiv mit Awich, ONE OK ROCK, CHICO CARLITO & Paledusk
Hypebeast traf die Gruppe zum Gespräch über die unverfälschten, organischen Anfänge ihrer Zusammenarbeit, die Metaphern hinter ihrer Debütsingle „777“ und ihre Zukunftspläne.
YAO im Porträt: Das Genre-Crossover-Kollektiv mit Awich, ONE OK ROCK, CHICO CARLITO & Paledusk
Hypebeast traf die Gruppe zum Gespräch über die unverfälschten, organischen Anfänge ihrer Zusammenarbeit, die Metaphern hinter ihrer Debütsingle „777“ und ihre Zukunftspläne.
Hätte mir vor ein paar Jahren jemand erzählt, dass Awich, ONE OK ROCK, Rapper CHICO CARLITO und die Progressive-Metalcore-Band Paledusk gemeinsam ein Musikprojekt gründen würden, hätte ich die Idee zwar spannend, aber völlig unrealistisch gefunden. Und doch wurde diese vermeintlich unmögliche Idee Ende Juni Realität. Mit einem abgestimmten Instagram-Post überraschten die Künstler:innen ihre Fans: ein reduziertes, monochromes Bild, auf dem groß „YAO“ prangte. Dazu die schlichte Bildunterschrift „We are YAO“ und ein brandneuer Instagram-Account. Am selben Tag übernahmen sie den Red-Bull-MIC-Kanal und präsentierten dort ein gemeinsames Performance-Video zur neuen Red Bull IN-YO!Reihe. Doch gerade als ich dachte, es handle sich vielleicht nur um ein vorübergehendes Crossover-Projekt, folgte eine Woche später ihr offizielles Debüt als YAO – mit der ersten Single samt Musikvideo „777“.
Wer ihre Wege im vergangenen Jahr aufmerksam verfolgt hat, für den ergibt diese geballte Allianz durchaus Sinn. CHICO CARLITO und Paledusk kannten ONE OK ROCK bereits gut und brachten ihre unverwechselbaren Stile in den Track „C.U.R.I.O.S.I.T.Y.“ auf dem DETOX-Album der Band ein. Später im selben Jahr setzte sich diese Chemie ganz selbstverständlich auf der Bühne fort, als beide Acts gemeinsam mit Awich bei verschiedenen Shows von ONE OK ROCKs DETOXJapan-Tournee als Special Guests auftraten.
Die Verbindung innerhalb des Kollektivs wurde noch enger, als Paledusk ONE OK ROCK als Support-Act auf deren Europatournee begleitete. Doch die Grundlagen für diese feste Gruppe waren schon viel früher gelegt worden. Beim Konzert SUPER DRY SPECIAL LIVE 2024 im Belluna Dome in Saitama, Japan, entstand bei einem gemeinsamen Auftritt von ONE OK ROCK und Awich eine unverkennbare, elektrisierende Bühnenenergie. Dieser Moment gegenseitiger künstlerischer Wertschätzung legte den Grundstein für das, was heute YAO ist.
Wir haben gehört, dass der Anstoß für dieses Projekt auf euren gemeinsamen Auftritt bei einem Konzert in einer Dome-Arena zurückgeht. Wie genau ist diese Gruppe entstanden?
Taka (ONE OK ROCK): Eigentlich hat alles mit einer Reise angefangen. Bevor wir gemeinsam etwas schaffen konnten, mussten wir uns erst einmal richtig kennenlernen. Wir haben ein grobes Demo erstellt, und als unsere gemeinsame Vision allmählich Form annahm, holten wir weitere Leute dazu.
Awich: Für mich fühlte sich der Auftritt mit Taka im Belluna Dome einfach vollkommen stimmig an. Wir beide spürten diese intensive, unverkennbare Energie auf der Bühne und wussten sofort: Das durfte nicht bei einer einmaligen Zusammenarbeit bleiben. Gleichzeitig wollten wir nichts überstürzen oder etwas nach Schema F machen.
Wie Taka schon sagte, sind wir zunächst gemeinsam gereist und haben wirklich Zeit miteinander verbracht – wir haben uns intensiv mit den Denkweisen und kreativen Perspektiven der anderen auseinandergesetzt. Zuerst ging es darum, ein echtes Gefühl von Zusammenhalt aufzubauen. Als wir dann mit DAIDAI von Paledusk anfingen, mit verschiedenen Sounds und Demos zu experimentieren, weitete sich die Vision ganz natürlich aus. CHICOs kraftvolle Verse und Kaitos (Paledusk) rohe, ungestüme Shouts machten dieses musikalische Universum schließlich komplett.
„Diese Gruppe war nie dazu gedacht, in einem einzigen, einheitlichen Sound aufzugehen … Es geht darum, völlig unterschiedliche Kräfte zusammenzubringen […] und anzuerkennen, dass in jeder von ihnen ein eigener, kraftvoller Geist steckt.“ – Awich
Als Taka und Awich euch erstmals mit dieser Idee ansprachen: Was war euer allererster Gedanke, als es darum ging, der Gruppe beizutreten?
CHICO CARLITO: Ich war unglaublich glücklich, spürte aber zugleich sofort den Druck, mich weiterzuentwickeln und meine Fähigkeiten auf ein neues Level zu bringen. Am liebsten hätte ich direkt meinen ehemaligen Mitschüler:innen davon erzählt – sie alle wussten, wie besessen ich von ONE OK ROCK war. Aber bis zur offiziellen Ankündigung musste ich es für mich behalten.
DAIDAI (Paledusk): Mein allererster Gedanke war einfach: „Hell yeah! Ich darf ein paar riesige Tracks schreiben!“
Wie seid ihr auf diesen Namen gekommen, und wie verkörpert er den Geist der Gruppe?
Awich: YAO ist die Kurzform von Yaoyorozu. Das Konzept von Yaoyorozu – der Glaube an acht Millionen Götter oder unzählige Geister – ist tief in der japanischen Spiritualität verwurzelt. Zugleich passt es perfekt zu unserem Verständnis von Musik und Gemeinschaft. Wir haben uns für YAO entschieden, weil diese Gruppe nie in einem einzigen, einheitlichen Sound aufgehen sollte. Vielmehr geht es darum, völlig unterschiedliche Kräfte – Rock, Hip-Hop, Metalcore – zusammenzubringen und anzuerkennen, dass in jeder von ihnen ein eigener, kraftvoller Geist steckt. Mit YAO wollten wir sowohl das Chaos als auch die Harmonie dieser unterschiedlichen Energien, die nebeneinander existieren, annehmen.
Welche zentrale Geschichte und Botschaft wolltet ihr mit eurem ersten Release „777“ vermitteln?
Awich: Ich hatte eine Gruppe von Außenseiter:innen vor Augen, die die Welt als Spiel mit hohem Einsatz betrachten. Als ihnen klar wird, dass das Spiel selbst manipuliert ist, beschließen sie, den Tisch umzustoßen und die Regeln für alle komplett neu zu schreiben. Oberflächlich erzählt es sich wie ein Raubzug: Vier ambitionierte Künstler:innen aus verschiedenen Teilen Japans kommen zusammen, um die Macht zu übernehmen. Dahinter steckt jedoch eine tiefergehende Frage: Wofür spielen wir eigentlich? Der Wendepunkt kommt in der Bridge, wenn der Text fragt: „What if we play for something more?“ Für mich ist das der Moment, in dem die Metapher aufbricht. Die Zahl „7“, die im Japanischen „nana“ gelesen wird, steht zunächst für den Jackpot, verwandelt sich letztlich aber in einen trotzigen Aufschrei für unsere gemeinsame Menschlichkeit.
Waren die Rollen aller Beteiligten in der frühen Phase von „777“ sofort klar definiert? Wie lief der kreative Prozess ab?
DAIDAI: Von dem Moment an, als ich für das Projekt angesprochen wurde, war klar, dass ich die Tracks schreiben und die Produktion übernehmen würde. Doch bevor wir überhaupt loslegten, sagte Taka: „Lasst uns erst mal etwas essen!“ – und kochte uns ein unglaublich leckeres Essen. Es war so gut, dass ich Songs schreiben wollte, die genauso gut schmecken.
Eure individuellen Terminkalender unter einen Hut zu bekommen, dürfte nicht leicht gewesen sein. Wie habt ihr trotzdem Zeit gefunden, diesen Track umzusetzen?
CHICO: Bevor wir die finalen Spuren aufnahmen, machten wir in meiner Heimat Okinawa eine grobe Demoaufnahme und schickten sie an das Team. Damit wir schon in dieser frühen Phase das bestmögliche Material ablieferten, habe ich schließlich viele Gefallen eingefordert und mir Unterstützung von zahlreichen Freund:innen geholt.
Das Musikvideo zu „777“ ist unglaublich eindrucksvoll. Wie ist das Konzept dafür entstanden?
Awich: Mit „777“ wollten wir das Musikvideo in einer rohen, unverkennbar lokalen japanischen Ästhetik verankern – etwas, dem das globale Publikum bislang nicht übermäßig ausgesetzt war. Das Kernkonzept ist stark von der Größe und rebellischen Energie klassischer japanischer Jugendfilme wie Seven Days War inspiriert, in denen Jugendkultur, Spektakel und Widerstand aufeinandertreffen. Wir wollten die rasante, aufrührerische Energie des Tracks aufgreifen und daraus ein modernes Ritual jugendlicher Rebellion machen. Es ist frisch, kulturell verwurzelt und spricht eine Bildsprache, die sich sowohl in Japan als auch auf der Weltbühne völlig neu anfühlt.
„Wir wollen uns wirklich nicht in Schubladen stecken oder uns durch zu viel Grübeln über Genre-Kategorien kreative Grenzen setzen.“ – Taka (ONE OK ROCK)
Was war euer prägendster Moment beim Videodreh – oder eure persönliche Lieblingsszene im finalen Schnitt?
CHICO: Rückblickend ist mir vor allem die Wucht der zentralen Einstellung im Gedächtnis geblieben, in der all die Kompars:innen hereingestürmt kommen. Beim Nachtdreh war es außerdem schön, ein wenig mit ihnen zu plaudern. Irgendwann fragte ich sogar: „Hat jemand von euch Fragen an uns?“
Meine persönliche Lieblingsszene ist definitiv die, in der wir alle auf dem Dach headbangen. Ich habe tatsächlich große Höhenangst, also musste ich wirklich alles geben! [Laughs]
Ihr repräsentiert einen beeindruckenden Querschnitt durch Generationen und Genres. Ist dieses Line-up aus vier Acts der feste Kern von YAO, oder seid ihr für künftige Projekte offen für Gastkünstler:innen?
Taka: Das bleibt vorerst ein Geheimnis. Aber als Gruppe wollen wir uns wirklich nicht in Schubladen stecken oder uns durch zu viel Grübeln über Genre-Kategorien kreative Grenzen setzen.
Wie hat die Zusammenarbeit in diesem Kollektiv eure Herangehensweise an eure eigene Soloarbeit oder die Projekte mit euren Hauptbands beeinflusst?
Taka: Es war in jeder Hinsicht eine unglaubliche Lernerfahrung. Sie hat mir ermöglicht, einen Schritt zurückzutreten und meine eigene Arbeit aus einer viel umfassenderen Perspektive zu betrachten als sonst. Den anderen Mitgliedern von YAO und unserem gesamten Team bin ich dafür unglaublich dankbar.
Wie geht es für YAO weiter? Könnt ihr uns schon einen kleinen Hinweis darauf geben, worauf wir uns freuen können?
DAIDAI: Taka wird auf jedem einzelnen Track zu hören sein!



















