M+ CHANEL Senior Curatorin Silke Schmickl über eine neue Ära des asiatischen Avantgarde-Kinos
„Die Pioniergeneration erlebt, wie aktuell ihre Arbeiten geblieben sind – und junge Künstler:innen entdecken dabei ihre eigene Geschichte.“
Die dritte Ausgabe des M+ Asian Avant-Garde Film Festival (AAGFF), das von CHANEL unterstützt wurde, endete am 31. Mai nach drei Tagen voller Film, Musik und Performance, in denen Raum sowohl als künstlerisches Prinzip als auch als geopolitisches Thema ausgelotet wurde. Zu den Highlights zählten die Weltpremiere von „Lamya Gargash × Vivian Wang: Tracking Nomadism (Live)“, einer neu beauftragten Live-Cinema-Kollaboration, die von CHANEL gefördert wurde, Rirkrit Tiravanijas interaktive Pingpong-Installation sowie Screenings wegweisender Arbeiten von Nam June Paik und Xu Bing.
Im dritten Jahr hat sich das AAGFF als eine der wichtigsten Plattformen Asiens für experimentellen Film und Bewegtbildkunst etabliert und bringt unabhängige Filmemacher:innen, Künstler:innen und kreative Communities aus der gesamten Region unter einem Dach zusammen. Das diesjährige Thema knüpft an die letztjährige Auseinandersetzung mit Zeit an und richtet den Fokus nun auf Raum – als Sujet, das Komposition und Perspektive im künstlerischen Arbeiten, die Entwicklung linsenbasierter Technologien und die geopolitischen Realitäten, die unsere Welt neu ordnen, miteinander verschränkt. Im Folgenden reflektiert Silke Schmickl, CHANEL Senior Curator and Head of Moving Image bei M+ in Hongkong, das Programm.
„Raum ist ein zentrales Prinzip des künstlerischen Arbeitens in allen Medien – und besonders spannend in linsenbasierten Medien, in denen Künstler:innen den Bildrahmen durch Expanded Cinema und nun ‚rahmenlose‘ Immersion immer wieder radikal in Frage gestellt haben.“
Der Festivaltitel „Space Enter Shift“ ist sehr offen gehalten. Wie sind Sie darauf gekommen?
Der Titel ist in erster Linie eine Einladung an das Publikum, in den Festivalraum einzutreten und sich von den eigenen Erfahrungen transformieren zu lassen. Er verweist auf die Bedeutung von Technologie für die Produktion und Rezeption zeitbasierter Kunstformen und spielt augenzwinkernd auf drei elementare Tastaturbefehle an: „Space“, das ein Leerzeichen einfügt; „Enter“, das eine Eingabe bestätigt oder eine neue Zeile beginnt; und „Shift“, das andere Tasten modifiziert. Raum ist ein zentrales Prinzip künstlerischen Arbeitens in allen Medien – und besonders interessant in linsenbasierten Medien, in denen Künstler:innen den Rahmen des Bildes, etwa durch Expanded Cinema und nun „rahmenlose“ Immersion, immer wieder neu ausloten. Das Thema dient zudem als Linse, um über die globalen geopolitischen Verschiebungen nachzudenken, die wir derzeit erleben.
Larissa Sansours Film erzählt von einer palästinensischen Piratin, die koloniale Artefakte zurückfordert. Warum wollten Sie dieses Werk zu M+ holen?
Sansours Praxis untersucht die politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Dimensionen von Raum, verwurzelt in ihrer persönlichen Exilerfahrung. Ihr jüngster Film „A Sunken Tale of Losses Delayed“ bot eine hervorragende Gelegenheit, ihre Arbeit erstmals in Asien zu zeigen. Die Restitution geraubter Objekte ist ein zentrales Thema im Kontext der postkolonialen Institutionengeschichte Asiens, und das Motiv des Schiffs interessierte uns als Heterotopie im Sinne von Foucault. Die Position der Hauptfigur, einer Piratin, eröffnet eine radikale Perspektivverschiebung. In dieser Ausgabe waren außerdem mehrere Präsentationen von Künstlerinnen aus Westasien zu sehen, darunter Sansour, Samia Halaby, Basma Al-Sharif und Lamya Gargash.
Xu Bing hatDragonfly Eyes vollständig aus Überwachungsmaterial geschaffen. Wo sehen Sie momentan die spannendsten Grenzverschiebungen im Bereich Bewegtbild?
„Dragonfly Eyes“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie konzeptuell arbeitende Künstler:innen möglicherweise keine eigenen Bilder mehr erzeugen, sondern neue Wege finden, die täglich entstehenden massiven Bilddatenmengen – im Fall von Xu Bing etwa das Material von Überwachungskameras – zu rekontextualisieren und kritisch zu analysieren. Solch selbstreflexive Ansätze, die die exzessive Bilderproduktion und ihre mögliche Instrumentalisierung in ein neues Licht rücken, gehören derzeit zu den radikalsten Positionen zeitgenössischer Bewegtbildkunst.
Paiks Wrap Around the World war 1988 eine weltweite Live-Übertragung. Wie fühlt es sich an, dieses Werk 2026 erneut zu zeigen?
Es war eindrücklich, seinen Techno-Optimismus in einer noch nicht globalisierten Welt wiederzuentdecken. Der utopische Ton, die ungebundenen, exzentrischen Auftritte einiger der bemerkenswertesten Protagonist:innen des späten 20. Jahrhunderts führten uns vor Augen, was verloren ging, als das Internet zu einem marktorientierten Versorgungsinstrument wurde – aber auch, was jederzeit möglich bleibt, wenn wir Menschen zusammenbringen, um miteinander zu sprechen und gemeinsam zu schaffen.
CHANEL unterstützt dieses Festival nun seit drei Jahren. Wie gestalten Sie diese Partnerschaft, wenn das Programm ganz bewusst oft wenig kommerziell ist?
Die Zusammenarbeit zwischen M+ und CHANEL war von Beginn an ausgesprochen herzlich, offen und inspirierend. M+ verfügt über vollständige kuratorische Autonomie, während CHANEL uns dabei unterstützt, die Geschichten mit größerer Strahlkraft zu erzählen und Künstler:innen, Filmemacher:innen, Kulturschaffende und Publikum zusammenzubringen – was entscheidend dafür ist, dass sich das Festival als unverzichtbare Plattform für künstlerische Bewegtbilder etablieren kann.



















