Wer hat den stärksten Helden geschlagen? Die ganze Wahrheit zur Produktionskrise von „One-Punch Man“ Staffel 3
Nach ganzen sechs Jahren Wartezeit hat Staffel 3 Fans mit ihrer enttäuschenden Qualität kalt erwischt. Wir zeigen, woran es wirklich liegt.
Die erste Staffel von One-Punch Man gilt weithin als eines der ikonischsten Shonen-Anime der 2010er-Jahre. Der ursprüngliche Webcomic und das Manga waren bereits beliebt, doch der kometenhafte Aufstieg der Serie wurde maßgeblich durch das überwältigend positive Echo auf die erste Anime-Staffel befeuert, die vor zehn Jahren, 2015, erschien. Produziert von Madhouse und inszeniert von Shingo Natsume, wurde Staffel 1 für ihre unglaublich flüssigen, dynamischen Actionsequenzen gefeiert – allen voran der unvergessliche Kampf zwischen Saitama und Genos, der auch ein Jahrzehnt später visuell nichts von seiner Wucht eingebüßt hat.
Doch als Staffel 3 im Oktober 2025 – nach sechs Jahren Wartezeit seit der zweiten Staffel – endlich erschien, reagierten die Fans mit enormer Enttäuschung und einer Flut negativer Kritiken. Dieser allgemeine Frust spiegelte sich in den miserablen IMDb-Bewertungen wider: Zum Zeitpunkt des Schreibens lag die Durchschnittswertung bis Folge 7 kaum über 3/10. Das steht in krassem Gegensatz zu Staffel 1, bei der jede Folge mindestens 8/10 erreichte, einige sogar 9/10.
Zu den meistdiskutierten und schärfstens kritisierten Beispielen für die schlechte Animationsqualität gehört der berüchtigte „Garou Slide“ in Folge 2. In dieser Szene fehlt der Abwärtsbewegung des „Heldenjägers“ Garou einen Hügel hinunter die Dynamik und Energie der entsprechenden Manga-Passage; stattdessen wirkt sie wie eine holprige PowerPoint-Übergangsanimation. Diese minderwertige Umsetzung zeigt sich auch in anderen Momenten, etwa im „Atomic Samurai Hair Clip“-Meme aus Folge 6, das auf einen inakzeptablen Schnittfehler zurückgeht, bei dem ein Teil von Atomic Samurais Haar schlicht fehlte.
One Punch Man Season 3 Episode 2
Everyone is talking about this scene. Garou is not walking in this scene, watch the manga.
In the manga we see him sliding on the grass.
But in the anime episode the sliding on the grass is not animated.#OnePunchManFollow Me For OPM Update pic.twitter.com/CwNy4ecxcN
— Antør (@_the_antor) October 20, 2025
Dieser Einbruch in der Animationsqualität, kombiniert mit der leidenschaftlich negativen Reaktion der Fans, wirft eine entscheidende Frage auf: Wie konnte ein einst herausragend produziertes Anime zu dem verkommen, was in Staffel 3 zu sehen ist? Die Antwort verweist nicht nur auf das Produktionsstudio, sondern vor allem auf ein tief verwurzeltes, seit Langem bestehendes Problem in der Animebranche.
Ein zentraler Grund, den Fans häufig für den Qualitätsabfall nennen, ist der Wechsel des Studios: von Madhouse (Staffel 1) zu J.C. Staff (Staffeln 2 und 3). Madhouse hatte schon vor One-Punch Man eine beeindruckende Erfolgsgeschichte mit actionorientierten Anime vorzuweisen, etwa Hunter x Hunter (2011) und No Game No Life (2014). J.C. Staff hingegen hat zwar ebenfalls zahlreiche starke Serien produziert, verfügt aber über deutlich weniger ausgewiesene Erfahrung im Actionbereich. Dieser Unterschied in der Spezialisierung dürfte ein wesentlicher Faktor für den Qualitätsverlust in der Animation sein.
Hinzu kommt, dass Madhouse’ anfänglicher Erfolg mit One-Punch Man Staffel 1 von einem vergleichsweise überschaubaren Produktionsplan profitierte: 2015 waren nur zwei weitere Anime parallel in Arbeit. Im Gegensatz dazu scheinen J.C. Staffs Probleme aus einer schieren Überlastung zu resultieren. Allein 2025 soll das Studio an fünf Anime-Projekten gleichzeitig gearbeitet haben, darunter One-Punch Man Staffel 3, Shinjiteita Nakama tachi und Chichi Wa Eiyuu, die alle in derselben Season ausgestrahlt wurden. Dieser enge Zeitplan und die enorme Arbeitslast machten es nahezu unmöglich, in einen einzelnen Titel die nötige Zeit, Sorgfalt und Ressourcen zu investieren – mit entsprechend enttäuschenden Ergebnissen.
Auch wenn J.C. Staff einen Teil der Verantwortung für die schwache Animation trägt, liegt das Grundproblem im System der japanischen Animeindustrie. Wie der frühere One Piece-Animator Vincent Chansard anmerkte, „Ich glaube, viele Leute geben J.C. Staff die Schuld, aber es ist etwas komplizierter. Manchmal liegt es nicht am Animationsstudio, sondern am Production Committee, das über allem steht.“
Tatsächlich sind diese Production Committees ein Zusammenschluss von Geldgebern, der über Faktoren wie Finanzierung, Zeitplan und grundlegende Entscheidungen bestimmt. Ihre Hauptaufgabe ist es, Risiken zu minimieren und Gewinne zu maximieren – oft mit Fokus auf schnelle Rendite statt auf echte inhaltliche Qualität. In diesem System hat das Animationsstudio selbst häufig nur geringen Einfluss auf die großen Weichenstellungen. Gleichzeitig setzen die Committees den Studios, um den Output zu steigern, regelmäßig unrealistische Deadlines.
It’s over for jujutsu kaisen season 2 from episode 18 . The production committee denied a break and a lot of animators are expressing their disappointment for their working conditions in mappa #jjk pic.twitter.com/Chgnkfzm3H
— Sam (@sammy_here_) November 14, 2023
Ein klares Beispiel für diese Überlastung zeigte sich bei MAPPA während der Produktion von Jujutsu Kaisen Staffel 2. Mit der Vorgabe, 2023 acht Anime zu veröffentlichen, war der Zeitplan so extrem, dass viele MAPPA-Animator:innen ihre Erschöpfung und ihren Stress in sozialen Netzwerken öffentlich machten – es kursierten sogar Gerüchte über einen Abbruch der Staffel. Obwohl Jujutsu Kaisen Staffel 2 letztlich ohne gravierende Qualitätsmängel erschien, macht der Fall das Grundproblem deutlich: ein Studio, das zu viele Projekte gleichzeitig schultern muss.
Letztlich lässt sich das Problem von One-Punch Man Staffel 3 nicht auf ein einzelnes Studio oder einen einzelnen Regisseur zurückführen. Im Kern geht es um die Wahl eines für dieses Genre wenig geeigneten Produktionsstudios und um ein branchenweites Muster, das Profit und Masse über die Kunst der Animation stellt. Setzt sich dieses Phänomen fort, droht der Industrie der Verlust ihres wichtigsten Kapitals: Talent. Diese schleichende Erosion von Kreativität – befeuert durch schlechte, extrem belastende Arbeitsbedingungen und zu wenig künstlerische Freiheit – kann die Animebranche langfristig auf einen Kurs der Selbstzerstörung bringen.
Dennoch muss die Zukunft der Animeindustrie nicht komplett düster aussehen – das zeigt der Erfolg von Attack on Titan: The Final Season. Die Serie schaffte es, ihre Qualität trotz des Studio-Wechsels von Wit Studio zu MAPPA konstant zu halten. Trotz der anspruchsvollen Auslastung strukturierte MAPPA den engen Zeitplan, indem die Final Season in mehreren Parts zwischen 2020 und 2023 veröffentlicht wurde. Dank MAPPAs Expertise im Actionbereich blieb die Qualität der Kampfsequenzen durchgängig hoch. Dieser Fall beweist: Mit dem richtigen Team, einem soliden Plan und ausreichender Finanzierung kann eine Serie ihren Standard auch nach einem Studio-Wechsel wahren. Idealerweise zieht die Branche aus beiden Beispielen Lehren, um künftige Qualitätseinbrüche wie den bei One-Punch Man Staffel 3 zu verhindern.



















