Hinter den Kulissen von A24s Cherry Lane Theatre
Wie der Indie-Gigant avantgardistische Bühnenerlebnisse auf New Yorks älteste Off-Broadway-Bühne zurückbringt.
In einer winterlichen Nacht im West Village in New York feiert MIKE sein Off-Broadway-Debüt. Während einer dreitägigen Live-Performance seinesTiny Desk-Auftritts bringen der in Brooklyn geborene Künstler und seineBand of the Centurydie Bühne des Cherry Lane Theatre mühelos unter ihre Kontrolle und entführen das Publikum auf eine immersive Klangreise, die souverän zwischen Hip-Hop, Neo-Jazz, Funk und Gospel pendelt. Der Rapper findet in dieser neu entdeckten theatralischen Seite ein Zuhause – und die Zuschauer spiegeln ihm diese Wärme zurück.
Auch wenn ein experimentelles Rap-Set wohl nicht das Erste ist, woran das klassische Off-Broadway-Publikum denkt, verkörperte der Auftritt genau jene kreative Reibung, die das inzwischen von A24 unterstützte Downtown-Urgestein Cherry Lane seit seiner Gründung prägt. Nachdem der Indie-Gigant das Haus 2023 übernommen hatte, wurden im vergangenen September endlich wieder die ikonischen kirschroten Türen aufgestoßen – und das Publikum zu einem neuen Kapitel des hundertjährigen Theaters begrüßt.
Eingebettet in die charmante, kopfsteingepflasterte Ecke von Commerce Street und Cherry Lane trägt das Theater, das sich stolz als „Birthplace of Off-Broadway“ bezeichnet, seine Geschichte selbstbewusst nach außen. Zum liebevoll erhaltenen Äußeren gesellt sich ein Interieur mit konsequentem Vintage-Flair. Besucherinnen und Besucher werden von einem Retro-Snackstand empfangen, prall gefüllt mit Merch, Drinks, Cocktails und typischen Theater-Snacks, umrahmt von Fotografien der Legenden, die durch eben diese Türen gegangen sind. Wild Cherry, der Art-House-Supper-Club der Frenchette-Köche, liegt direkt hinter der Lobby – für alle, die „Dinner and a Show“ auf gehobenem Niveau suchen.
Unter neuer Leitung hat das Theater neben seinem traditionsreichen Spielplan nun auch Musik-, Film- und Comedyshows in den Kalender aufgenommen. Seit der Wiedereröffnung haben hier unter anderem Sofia Coppolas kuratierte Sonntagsfilmreihe, Spike Lees25th Hour-Vorführung, intime Auftritte von MIKE, Tame Impala und Lizzy McAlpine, ein Set von Ramy Youssef und das Solo-StückWeer;mit Clare BarronsYou Got Older, Alia Shawkats Bühnendebüt, bereits für 2026 in Planung. Und das alles in einem Haus mit nur 166 Plätzen – Cherry Lane hat es in sich.
Für sein erstes offizielles, physisches Projekt setzt A24 radikal auf Intimität – eine Entscheidung, die zwar perfekt zu den auteurhaften Wurzeln des Studios passt, aber im Kontrast zu dessen globaler Größe der letzten Jahre steht. Angesichts der weitverbreiteten Sorge vor der glattgebügelten Kommerzialisierung kleiner Bühnen bleibt Skepsis nicht aus: Was hat ein Hollywood-Schwergewicht überhaupt in der Off-Broadway-Ecke der Stadt zu suchen?
Wie das Studio in den vergangenen Monaten deutlich gemacht hat, geht es weder darum, das Rad neu zu erfinden, noch um große finanzielle Gewinne. Vielmehr wirkt diese Wiederbelebung wie eine kulturelle Erweiterung – und der avantgardistische Geist von Cherry Lanes Vergangenheit und Gegenwart darf für sich selbst sprechen.
1923 von einer Gruppe Downtown-Bohemiens gegründet, war das Theater stets ein Gegenentwurf zur Broadway-Szene – von Künstlern für Künstler – und stand für kreatives Risiko, unkonventionelles Storytelling und künstlerischen Ehrgeiz, frei von den kommerziellen Zwängen des Mainstream-Theaters. Im Laufe der Jahre stand auf dieser bescheidenen Bühne eine beeindruckende Riege von Ikonen: Barbra Streisand, Stephen Sondheim, Samuel Beckett, Pablo Picasso, James Dean, John Malkovich, F. Scott Fitzgerald – um nur einige zu nennen.
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In seinem heutigen Gewand hält Cherry Lane genau an diesem experimentellen Ethos fest. Zwar kann es hier und da Verknüpfungen zu Filmen geben, doch A24s filmische Beteiligung bleibt bewusst im Hintergrund – der Widerstand dagegen, das Haus in einen IP-Spielplatz zu verwandeln, ist groß. Stattdessen, so erklärte Programmchefin Dani Rait derNew York Times, ist das Theater als unabhängiger Raum gedacht, der für sich selbst atmen kann – ein Ort der Entdeckung, der zwar mit dem Ökosystem des Studios in Berührung kommt, aber nicht von ihm bestimmt wird.
Vom Bühnenlicht zur Leinwand und wieder zurück auf die Bühne: Das neue Interesse an kleinen Häusern wie Cherry Lane signalisiert einen Wandel in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie – und in der Kultur insgesamt. Es geht um Orte, an denen wir unseren Hunger nach Präsenz stillen können. Je stärker die Branche optimiert und von Algorithmen gesteuert wird, desto mehr stillen solche Räume die Sehnsucht nach Sinn – danach, sich gemeinsam, leibhaftig, mit Kunst auseinanderzusetzen und sie zu begreifen.
Wenn sich der Saal im Cherry Lane leert, gleitet das Publikum durch die glänzenden roten Türen hinaus – so wie Generationen von Autorinnen, Performerinnen und Künstlern vor ihnen. In einer Welt, in der alles dokumentiert und verteilt wird, liegt die Kraft im Flüchtigen. Ob Rap-Set, experimentelles Theaterstück oder Filmscreening eines der Großen – dieses Haus setzt kompromisslos auf Kunst, die für den Moment gemacht ist, auf Werke, die erlebt werden wollen. Man muss einfach da gewesen sein.



















